Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 155
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gerafftem Segel, wie es uns die erwähnte Zeichnung (Taf. 80, 2) zeigt, sind zwischen
den beiden sitzenden weiblichen Gestalten noch zu erkennen.

Das andere Schiff hat seinen Bug nach links gewandt. Am Bugspriet sieht man
den unteren Teil einer bekleideten weiblichen Figur. Der Zeichner Dal Pozzos hat
diesen Überrest einer Gewandfigur für den unteren wehenden Zipfel eines großen
Segels gehalten, das er dann frei bis zu den Rahen ergänzt hat. Aber ganz abgesehen
davon, daß man ein so großes Segel nicht frei herunter fallen läßt, sondern unten
durch Schoten an Pflöcken auf der Reling hält, gab es hier, wie man an den Resten
des Sarkophags eindeutig sehen kann, überhaupt kein solches Segel. Da der Zeichner
es hinter der Strickleiter angegeben hat und da diese noch erhalten ist, müßte es auch
jetzt noch hinter ihr zu erkennen sein. Wir sehen hier aber nur den Mantel des bärti-
gen Gottes im Hintergrund, und offensichtlich war es gerade dieser Mantel, den der
Zeichner als den oberen Teil des Segels mißverstanden hat. Das Segel war also auch
bei diesem Schiff gerafft. Ein Mann am Bug und einer am Mastbaum, deren Füße
noch erhalten sind, waren damit beschäftigt, es fest zu machen. Die weibliche Figur
am Bug ist richtig als Gallionsfigur zu deuten. Es ist die gleiche Viktoria, die uns in
dieser Funktion auch bei anderen Schiffen begegnet132.

Damit entfällt aber ein Hauptgrund, der Amelung133 zu der Annahme veranlaßte,
das Schiff fahre aus dem Hafen hinaus. Es ist im Gegenteil genau so wie das andere
eben erst eingelaufen134. Das wird auch durch die von M. Fasciato135 erkannte Form
des Hafens bestätigt, der auch in der Richtung geschlossen ist, in die der Schiffsbug
weist. Der zweite Grund zur Annahme, das Schiff laufe aus, wurde in dem Vogelpaar
gesehen, das unter der rechten Hand des bärtigen Gottes mit dem ausgebreiteten
Mantel über den Mast des Schiffes hinfliegt. Nur einer der Vögel ist erhalten, aber da
der Ansatz des anderen noch zu sehen ist, dürfen wir hier dem Zeichner Dal Pozzos
(Taf. 80, 2) Glauben schenken, der ein Vogelpaar gezeichnet hat. Diese beiden Vögel,
in denen man gewiß Adler zu erkennen hat, sind mit Recht als günstiges Omen ge-
deutet worden. Aber ist es ein Vogelzeichen, das günstige Ausfahrt verheißt? Wir
kennen das Omen, welches ein Adlerpärchen bedeutet, recht gut, aber in einer ande-
ren Bedeutung. Plinius130 berichtet uns davon: . . . notatum non fere legionis umquam
hiberna esse castra tibi aquilarum non sit iugum. Also wurden keine Winterlager für die
Legionen aufgeschlagen, wo nicht ein Adlerpärchen war137. Das Auspicium der beiden

132 z. B. als Heckfigur auf dem berühmten Hafenrelief im Mus. Torlonia: Lugli-Fili-
beck a. O. Taf. 1. H. Kahler, Rom u. seine Welt (1960) Taf. 227.

133 Amelung in: Heibig I3 84.

134 Auch auf dem in mancher Hinsicht vergleichbaren pompejanischen Hafenbild:
Pfuhl, MuZ. III (1923) Abb. 740 sehen wir mehrere Schiffe vor Anker liegen, von denen
drei den Bug nach L gewendet haben, eines jedoch auch nach r.

135 Fasciato a. O. 74 ff.

136 Plin. n. h. 10, 16.

137 Vgl. RE. XVIII 1 (1939) 366 s. v. Omen (Riess). Zwei Adler zeigten auch den Ort
an, an dem das Heiligtum von Delphi entstehen sollte: RE. IV 2 (1901) 2530 s. v. Delphi
(Roscher). XVIII 4 (1949) 1636 s. v. Parnassos (Schmidt).
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