Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 157
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fei. Wir sehen wieder den stehenden Mann, der den rechten Fuß hochgestellt hat, der
uns schon auf 1 begegnete. Hier ist er mit der Chlamys bekleidet. Er hatte den jetzt
abgebrochenen rechten Arm angewinkelt erhoben. In der linken Hand hält er den
faserigen Stamm eines Rebstocks, der sich nach oben verzweigt und dessen feine
Ranken sich am Grunde aufrollen. Nach Ausweis der Zeichnung Dal Pozzos spielten
Eroten in seinen Zweigen (Taf. 80, 2). Die beiden Frauen, die auch auf 2 begegnen,
wenden sich freudig nach ihm um. Die rechte, wiederum ein wenig größer gebildet
als die andere, trägt den doppelt gegürteten Chiton, der über ihre linke Schulter
herabgeglitten ist und eine Brust freiläßt. Sie sitzt am Meer, den linken Fuß vom
Wasser überspült, das rechte Bein ein wenig hochgelegt. Ihr Mantel bauscht sich
hinter ihrem Haupt. Mit der linken Hand hält sie dem Jüngling neben sich etwas hin,
was eine Muschel gewesen sein könnte, wenn wir der Zeichnung bei Dal Pozzo ver-
trauen dürften. Doch wird es eher so sein, wie schon Amelung143 bemerkte, daß der
Zeichner die Reste einer Schale, deren Ränder bestoßen waren, als Muschel inter-
pretiert hat.

In der Rechten hält sie einen Blütenkranz und hat den Arm um die Schulter jener
anderen weiblichen Gestalt gelegt, die neben ihr auf ihrem rechten Oberschenkel sitzt.
Diese ist mit Chiton und Mantel bekleidet und trägt ebenfalls einen Blütenkranz in
der Rechten; ihr Haupt ist bekränzt.

Über die beiden Frauen fliegt ein Putto nach links, von dem nur das eine Bein-
chen erhalten ist. Auch er weist offenbar, wie die Putten mit dem Velum auf der
Lünette B von 2, im Zusammenhang mit der velificatio auf die Apotheose dieser
Frauen hin.

Die Deutung des Hafensarkophages ist, seitdem Amelung144 bald nach der Auf-
deckung des Gemäldes vom Caelius (1) die Übereinstimmung der Mittelgruppen er-
kannt hat, immer im Zusammenhang mit diesem versucht worden. Amelung145 sah
in der Gruppe Liber, Venus und Libera, Robert146 Portus und Ostia im Schoß der
Ora Maritima und den an der Küste auf seiner letzten Fahrt nach Etrurien vorüber-
segelnden Odysseus, wogegen Amelung147 bereits vor Roberts nochmaliger Äuße-
rung148 eingewandt hatte: „Das Schiff des vermeintlichen Odysseus fährt nicht vor-
über, sondern aus dem Hafen heraus; nur ihm, nicht der Mittelgruppe, kann das
Vogelzeichen gelten — seltsam für einen Mann, der dem Tode entgegenfährt. Der
Rebstock, der für Portus sinnlos wäre, ist von dem Jüngling nicht zu trennen, kehrt
auch auf dem Gemälde unter S. Giovanni e Paolo wieder. Wozu endlich die Zusam-
menstellung mit Odysseus ? So können wir auch in dieser Deutung noch nicht die
Lösung des Rätsels erblicken." Was den Odysseus angeht, so glauben wir, das Rätsel
gelöst zu haben. Aber die Figuren der Mittelgruppe ?

143 Amelung in: Heibig I3 83.

144 Amelung, DissPontAcc. 10, 1910, 203 ff.
146 Zuletzt Amelung in: Heibig I3 83.

146 Robert, Hermes 46, 1911, 249ff.

147 Amelung in: Heibig I3 83.

148 Robert, Hermeneutik 72 f.
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