Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 158
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Kerenyi149, der sich als Letzter mit dem Problem befaßte, wollte auch hier wie
bei dem Gemälde vom Caelius einen Hieros Gamos zwischen Bacchus und Ariadne-
Venus erblicken, die hier mit dem Hafenbild vereinigt seien. Zum Hafenbild bemerkt
er: „Mit Heiligtümern, Göttern und Menschen überladen, erscheint das Hafenbild —
nicht mehr der Hafen von Alexandreia oder der von Ostia oder die beiden vereint,
sondern der Hafen als Bild des Telos, des erreichten Zieles — auf dem Sarkophag
vom Caelius" (gemeint ist der von Ostia).150 Das ist eine Auffassung, mit der sich die
unsere im wesentlichen deckt. Wir glauben sogar, Beweise für ihre Richtigkeit beige-
bracht zu haben. Aber was trägt sie zur Deutung der Mittelgruppe bei ?

Eine Deutung dieser drei Mittelfiguren wird sich nur im Zusammenhang mit
den drei anderen Repliken der Gruppe finden lassen. Wir müssen also zunächst noch
das vierte Beispiel, den Kindersarkophag im Museo Chiaramonti, betrachten. Hier
soll nur auf etwas Besonderes noch hingewiesen werden: die Köpfe des eingießenden
Jünglings und der Frau mit der Schale sind nicht völlig ausgearbeitet, sondern zur
Herausmodellierung von Porträts vorbereitet. Das bedeutet, daß die Besteller des
Sarkophages, wahrscheinlich ein Ehepaar, sich selbst in diesen Gestalten nach dem
Tode verkörpert sehen wollten und sehen konnten.

4. Kindersarkophag im Museo Chiaramonti des Vatikans151

Das vierte Denkmal in der Reihenfolge der Entstehungszeit, das wir in diesen
Kreis stellen müssen, ist der erwähnte Kindersarkophag vom Anfang des 4. Jhs., den
wir oben152 bereits beschrieben haben (Taf. 73). Wir sehen jetzt aber deutlicher, daß
er in bestimmter Weise mit dem großen Hafensarkophag im Belvedere (3) zusammen-
gehört. Denn außer den für die Sarkophage mit Erotenbarkenzug charakteristischen
Elementen, dem Tempelchen, einem Rundbau, Häusern, der Hafenmole, dem
Triumphbogen, der Palme, begegnen noch zwei Motive, die auch auf dem großen
Hafensarkophag vorkommen: es ist einmal die Gruppe der beiden Eroten in der
Mitte unten, die sich zu beiden Seiten eines Fasses zu schaffen machen. Auf dem oben
besprochenen Hafensarkophag (3) begegnet die Gruppe rechts neben dem Schiff des
Odysseus, wo die beiden entsprechenden Putten etwas in das vor ihnen stehende Faß
füllen, was ein dritter ihnen vom Meer heranschwimmend bringt153. Diese Gruppe
gehört demnach zum Repertoire dieser Hafenszenen wie die Angler, Schwimmer und
Netzfischer. Es handelt sich, wie M. Fasciato154 bei der Behandlung des großen Hafen-

149 Kerenyi a. O. 208 ff.

150 Ebd. 227.

151 L. 1,185 m, H. 0,38 m, Br. 0,365 m. Abgebildet bei Boethius a. O. 178 Abb. 103,
der auf dem Sarkophag die Darstellung einer Villa an einem Fluß erkennen will. Aus der
Analogie zu den übrigen Sarkophagen mit Erotenschiffahrt (s. o. Anm. 27) erweist sich
diese Vorstellung als unrichtig.

162 S. o. 139 f.

163 S. o. 154.

164 Fasciato a. O. 74 ff.
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