Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 160
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Was die Bedeutung der drei Figuren angeht, so müssen alle drei etwa auf gleicher
Stufe stehen, da Verstorbene mit jeder von ihnen identifiziert werden konnten: auf
3 sollten der Einschenkende und die Frau mit der Schale Porträts tragen, auf 4 ist es
die neben dieser sitzende Figur, die das Porträt erhalten sollte. Auch bei 1 und 2 ist
ein Rangunterschied zwischen den Figuren der Gruppe im Grunde nicht festzustellen.

Der einschenkende Jüngling ist wiederholt, zuletzt noch von Kerenyi155, mit
großer Selbstverständlichkeit als Bacchus oder Liber angesprochen worden. Dagegen
hatte Robert156 eingewandt: „Der einschenkende Mann stellt nicht etwa, woran der
Anfänger denken könnte, Dionysos dar; denn dieser ist in der Kaiserzeit ohne den
Thyrsos, den der Rebstock nicht ersetzen kann, undenkbar." Aber auch Roberts Er-
klärung als der Ortsgott Portus ist schon deshalb nicht überzeugend, weil dann der
Weinstock erst recht unverständlich wäre. Am flachen Strand von Portus wuchs kein
Wein. Außerdem trifft Roberts Behauptung nicht zu; es gibt vereinzelte Beispiele,
bei denen Bacchus sich auf die Rebe stützt157. Nichts spricht gegen die Benennung
dieses Jünglings als Bacchus oder Liber, wie man ihn dem römischen Sprachgebrauch
folgend besser nennen sollte. Auch die von Amelung angesichts der Gruppe des
Bildes vom Caelius (1) ausgesprochene Benennung der beiden Frauen als Venus und
Libera wird das Richtige treffen und wird durch das Erscheinungsbild der Figuren auf
dem Sarkophag 3 bestätigt.

Liber Pater und Venus konnten gemeinsam verehrt werden, wie uns das inschrift-
lich erwähnte templum Liberi Patris et Veneris in Mustis158 lehrt. Liber und seine
Schwester Libera gehören selbstverständlich zusammen159. In Liber, Venus und Li-
bera sehen wir eine Trias, die als Schutzgötter des Weinbaues, der Feldfrucht und der
Liebe für den Menschen besonders wichtige Götter waren. Wenn also ein Ehepaar
auf seinem Sarkophag sich in den Formen von Liber und Venus vergöttlicht sehen
wollte, so hat das im Grunde nichts Überraschendes.

Doch wie läßt sich diese Erklärung mit den anderen Repliken der Gruppe ver-
einigen? Wir glaubten zeigen zu können, daß es sich bei der Gruppe auf 2 um die
Darstellung von bekränzten Seligen in ihrem schönsten Tun, dem Opfer, auf den
Inseln der Seligen handelt. Wenn diese Deutung richtig sein soll, muß sie auch auf
die anderen Denkmäler zutreffen.

Daß dies für das Gemälde vom Caeüus der Fall sein könnte, dafür sprechen die
Meerwesen auf der rechten Seitenwand des Nymphaeumhofes. Wie wir oben160 sahen,
hatte der Meerthiasos die Aufgabe, die Verstorbenen zu den Inseln der Seligen zu
geleiten. Auf drei Meerwesensarkophagen161 ließen die Verstorbenen sich sogar,
wiederum als Veneres vergöttlicht, in einer Muschel übers Meer dorthin tragen.

156 Kerenyi a. O. 208 f.

156 Robert, Hermeneutik 74.

157 Vgl. Matz, Meisterwerk 141.

158 CIL. VIII Suppl. I (1891) Nr. 15578.

169 RE. XIII 1 (1926) 68 s. v. Liber Pater (Schur); vgl. A. Brühl, Liber Pater (1953)
passim.

160 S. o. 131 ff.

101 Rumpf, SR. V 1, 36 f. Nr. 91-93 Taf. 36 f.
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