Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 161
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Nun könnte man einwenden, daß eine solche Darstellung der Apotheose in
Privathäusern nicht belegt ist und höchstens in einem Grabe vorkommen könnte. Es
steht aber fest, daß wir hier einmal die gleiche Darstellung in einem Privathaus und
im sepulkralen Bereich haben. Bevor wir uns den Weg zum Verständnis der Gruppe
durch einen vorschnellen Schluß e silentio verbauen, wollen wir deshalb prüfen, ob
die Deutung der Gruppe als ein Beisammensein der Seligen auch bei den anderen
Denkmälern sinnvoll ist.

Bei dem großen Hafensarkophag (3) scheint dies der Fall zu sein. Oben162 haben
wir gezeigt, daß das Hafenbild eine Metapher für das Land der Hinkunft ist. In diesem
[iuGtix.bc, opfxo? nun sehen wir wieder unsere Gruppe, und da die Köpfe des Jüng-
lings mit dem Weinstock und der nach Art der Venus gekleideten Frau zu Porträts
der Verstorbenen ausgearbeitet werden sollten, ist klar, daß mit diesen beiden Ge-
stalten heroisierte Verstorbene gemeint waren. Daß auch die dritte Figur so verstan-
den werden konnte, beweist der Kindersarkophag Chiaramonti (4), wo eben sie das
Porträt tragen sollte.

Hier ist an die Stelle des Jünglings Fortuna getreten. Der Verstorbene war ein
Knabe und folglich nicht verheiratet. Anstelle des als Liber vergöttüchten Mannes
tritt daher Fortuna mit ihrem Füllhorn hinzu. Wir haben es hier mit einer späten Ver-
änderung beziehungsweise Anpassung unserer Gruppe an die gegebenen Verhältnisse
der Heroisierung eines unverheiratet gestorbenen Knaben zu tun, die jedoch fol-
gendes beweist: die Gruppe der beiden mit Schale und Kränzen nebeneinander sit-
zenden Figuren, zu denen eine einschenkende Figur hinzutritt, ist ein fester Typus
für die Darstellung des seligen Beieinanders heroisierter Toter. Vielleicht hat bei der
Ersetzung des Liber durch Fortuna mitgesprochen, daß die Inseln der Seligen auf
lateinisch insulae fortnnatorum heißen. Mit dieser Beobachtung schließt sich der Kreis
unserer Beweisführung.

Die Probe aufs Exempel ist, daß sich die Deutung der Gruppe zwanglos auf alle
vier Darstellungen anwenden läßt: im Gemälde vom Caelius (1) ist das Land der
Seligen als ein von Eroten und Meerwesen umspieltes Eiland im Meer dargestellt,
auf dem drei, soweit wir erkennen können, als Liber, Libera und Venus heroisierte
Selige, mit Kränzen geschmückt, in der schönsten Handlung, der Opferspende, bei-
sammen sind. Keine bestimmten Personen sind damit gemeint, deshalb haben die
Figuren auch keine Porträtzüge, sondern ideale Gesichter. Es ist eine Vision des
Lebens im Elysium, wie ein Römer der Spätzeit sie im Nymphaeum seines Hauses
gerne vor Augen haben mochte. Schefold163 hat darauf aufmerksam gemacht, daß
man bei der Erklärung der römischen Symbolik zu einseitig von der Grabkunst aus-
gegangen ist. „Die Wandmalerei gibt ein richtigeres und umfassenderes Bild. Nach
ihr war die religiöse Bindung im römischen Leben wichtiger, als man bisher annahm:
das Ideal eines den Göttern verbundenen Daseins, die mystische Weihe der irdischen
Existenz." Gewiß haben wir neben den reichen Zeugnissen des Unsterblichkeitsglau-
bens volkstümlicher, mystischer oder auch intellektueller Prägung zu viele Zeugnisse

162 S. o. 136 ff.

163 Schefold, Pompejan. Malerei (1952) 115.
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