Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 162
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eines krassen Materialismus und plattesten Unglaubens, als daß wir für die Kaiserzeit
ein absolutes Vorherrschen religiöser Ideen annehmen dürfen. Aber wir sollten auch
nicht ins Gegenteil verfallen und jeden eschatologischen Bezug in der römischen
Dekorationskunst leugnen.

In dem von Bartoli überlieferten Grab (2) sehen wir die Gruppe in einem Zu-
sammenhang, der sich ebenfalls am besten als Darstellung des Elysiums erklären läßt.
Die Gruppe erscheint hier abgekürzt, offenbar aus Gründen der Symmetrie. Das zeigt
uns, daß der Gedanke auch dann verstanden werden konnte, wenn die ursprüngliche
Darstellung auf der einen Seite nur im Auszug, auf der anderen Seite durch andere
Typen erweitert dargeboten wurde. Als Erweiterung fassen wir dabei die Darstellung
der Herbeischwimmenden und die der anderen Insel mit den beiden Mädchen auf,
obgleich nicht sicher ist, ob diese nicht zu einem ursprünglich noch weiter ausge-
dehnten Zyklus der Darstellung der Inseln der Seligen gehörten.

Der Sarkophag im Belvedere (3) erweist sich dann als die Verschmelzung zweier
Gedanken, die uns zuvor nur vereinzelt begegnet sind164. Die typische, ursprünglich
mit der Insel verbundene Gruppe der Seligen erscheint hier im Hafen, der uns auf
anderen Denkmälern schon als Bild für das Ziel des Lebens, für den Ort der Hin-
kunft, begegnet ist. Die Deutung, die liier wegen der Porträts viel einfacher ist, stützt
nun wieder die Erklärung der Gruppen auf 1 und 2 als heroisierter Seliger.

Ähnlich ist der Sachverhalt bei dem Kindersarkophag Chiaramonti (4), wo die
Darstellung den Anforderungen eines Kindergrabmals angepaßt ist.

Wir glauben, mit unserem Erklärungsversuch einen in sich geschlossenen Ge-
danken gefunden zu haben, unter dem die Darstellung aller vier Denkmäler entstan-
den sein könnte. Mehr läßt sich wohl bei dem bruchstückhaften Zustand der Über-
lieferung nicht ausmachen.

Und damit ist das Ziel unserer Untersuchung erreicht. Wir sahen, daß die Vor-
stellung von der Meeresfahrt der Toten und von den Inseln der Seligen in der römi-
schen Sepulkralallegorie keine geringe Rolle spielt, daß also sowohl das seetüchtige
Schiff des Charon auf dem Sarkophag von Velletri als auch die Meerwesensarkophage
einen klaren, den Zeitgenossen ohne weiteres offenbaren Sinn hatten, der in der
Spätzeit des 3. und 4. Jhs. mit anderen Sinngehalten vermischt werden konnte, so
daß so hybride Gebilde wie der große Hafensarkophag möglich wurden. Eine Vor-
stellung allein genügte diesem erlösungsbedürftigen Zeitalter nicht mehr165. Was wir
in der Überfüllung der Denkmäler mit allegorischen Bildern im 2. Jh. sich anbahnen
sahen, das führt im 3. Jh. zu einer neuen, komplizierten Verbindung der verschieden-
sten Vorstellungen, denen nur das eine gemeinsam ist, daß sie dem Menschen Ruhe,
Erlösung und ein neues, glückliches Leben im Tode versprechen.

101 Eine ähnliche Verschmelzung hatten wir zuvor schon bei der Betrachtung der
Meerwesensarkophage gesehen, wo der Meerthiasos mit Leuchtturm und Hafenbild ver-
bunden wurde, s. o. 135ff.

165 Schon von Apuleius von Madaura (2. Jh.) hören wir, daß er sich auf seinen Reisen
in den Orient in alle Mysterien einweihen ließ: Schanz-Hosius-Krüger, Gesch. der röm.
Lit. VIII 3 (19223) 100.
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