Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 163
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ZUSAMMENFASSUNG

Ausgangspunkt der Untersuchungen bildet der 1955 bei Velletri gefundene, von
R. Bartoccini veröffentlichte Sarkophag, dessen außergewöhnliche Bedeutung eine
erneute Behandlung rechtfertigt, zumal die Untersuchung Bartoccinis in wesentlichen
Punkten ergänzt und berichtigt werden muß.

Die von Bartoccini vorgeschlagene Datierung des einzigartigen Denkmals in die
Zeit des Commodus erweist sich als unbegründet, was für die kunstgeschichtliche
Erkenntnis des Sarkophags von großer Bedeutung ist. Es läßt sich zeigen, daß der
Sarkophag vor der Mitte des 2. Jhs. n. Chr., vielleicht noch in hadrianischer Zeit ge-
arbeitet wurde, so daß man sein ungewöhnliches Dekorationsschema als eine neue,
originelle Lösung in der Zeit der beginnenden Sarkophagproduktion, als sich noch
kein fester Sarkophagtypus herausgebildet hatte, besser erklären kann. Die Datie-
rung, die sich aus dem Unterschied des klassizistischen, trajanisch-hadrianischen Stils
zum spätantoninischen Barock der Zeit nach dem Stilwandel ergibt, wird durch
drei Vergleichsreihen bestätigt, die den Gewandstil, den Gesichtstypus der Figuren
und die Architekturornamentik ins Auge fassen.

Bei der Erklärung der etwa 40 verschiedenen auf dem Sarkophag dargestellten
Szenen sind wesentliche Fragen offengeblieben. Auf Grund der Motivgeschichte wird
eine eingehende Erklärung aller Szenen des Sarkophags versucht, wobei sich grund-
legende Aufschlüsse auch über deren Bedeutung ergeben:

In der Mittelszene der Frontseite ist an ein Totengericht durch das thronende
Paar der Totenherrscher gedacht. Außerdem ist das Totenherrscherpaar zwischen
den obersten Göttern der Erde und des Meeres, Jupiter und Neptun, dargestellt, vor
denen sich gewissermaßen das Leben der Menschen nach Art eines Welttheaters in
mythischen und realen, allegorisch zu verstehenden Szenen abspielt, die auf die ver-
schiedenen, aus der architektonischen Gliederung des Sarkophags sich ergebenden
Felder verteilt sind: auf der Front, die von Caelus, Sol und Luna beherrscht wird,
drei Mythen über die Liebe, die den Tod überwindet. Der eine, die Rückführung der
Alkestis, zeigt, wie eine verstorbene Frau wieder mit ihrem Manne vereint wird; in
dem anderen wird der Mann seiner Frau wiedergegeben, Protesilaus der Laodamia;
der dritte Mythos schließlich, der Raub der Proserpina, ist als Allegorie über das Ster-
ben aller Menschen zu verstehen. Auf die Liebe spielen auch die Eroten an, die auf
dem Dach des Sarkophags eine Girlande tragen.

Zur Erklärung des Herakleszyklus, der auf den drei anderen Seiten des Sarko-
phags dargestellt ist, wird eine bisher nicht beachtete Replik herangezogen, ein Relief
im Lateranmuseum, das dem Sarkophag stilistisch eng verwandt ist, und, da es besser
erhalten ist als dieser, die Stileigentümlichkeiten deutlicher erkennen läßt. Da auch
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