Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 164
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ein Weihrelief mit Herkuleszyklus in Neapel aus der gleichen Werkstatt zu stammen
scheint, zeigt sich, daß der Sarkophag von Velletri offenbar nicht aus einer Sarkophag-
werkstatt hervorgegangen ist, sondern daß zu seiner Verfertigung eine Werkstatt
herangezogen wurde, die sonst gewöhnlich dekorative Reliefs herstellte. Die inner-
halb der römischen Sarkophagkunst ungewöhnliche, ja einzigartige Form des Sarko-
phags, die sich an spätklassische griechische Vorbilder anlehnt, ist jedenfalls besser
zu verstehen, wenn man den Sarkophag als ein auf Bestellung gearbeitetes Einzel-
stück ansieht, das nicht in der Tradition römischer Sarkophagwerkstätten steht. Der
Herakleszyklus ist prägnant zu erfassen als eine Allegorie über das tätige, alle Mühen
der Welt überwindende Leben des Menschen, dessen durch zwei Palmen symboli-
sierter Sieg Eingang in ein glückliches Jenseits bedeutet. Deswegen ist eine von
Bartoccini als Empfang eines Verstorbenen an der Hadestür durch einen Vorfahren
gedeutete Szene richtiger als das Pluto beim Eintritt in die Unterwelt dargebrachte
Opfer des Grabinhabers in Gestalt des Herkules zu benennen.

Die in den meisten Darstellungen des Sarkophags implizierte Unterwelt ist in
einem Streifen der Rückseite in ihrer Gesamtheit dargestellt, das heißt, der Ort der
Büßer und auch das Elysium, das in einer Szene zu erkennen ist, die Bartoccini fälsch-
lich auf den Heliadenmythos bezog. Es handelt sich offensichtlich um eine Szene der
Anthologia oder Karpologia, die auch anderweitig als Elysiumsdarstellung geläufig
ist. Die dem Caelus der Vorderseite entsprechende weibliche Halbfigur in der velifi-
catio im Mittelgiebel der Rückseite ist nicht Aurora, sondern Nox, die mit den beiden
Gorgoneia, welche als Gegenbilder zu Sol und Luna aufzufassen sind, über der Unter-
welt herrscht.

Mit den einander entsprechenden Szenen des Opferzugs und des Hirtenlebens
sind die beiden Tugenden derpietas erga deos und derpietas erga bomines dargestellt. Der
Pietas, die auch mit der Szene des Opfers an der Hadestür und mit der stieropfernden
Viktoria im Giebel gemeint ist, wird die Superbia der Giganten gegenübergestellt.
Darin ist folgender Gedanke enthalten: während die Superbia durch Vernichtung der
Gegner der Götter bestraft wird, erwartet die Pietas Belohnung im Jenseits.

Die in den mythologischen und realen Szenen des Sarkophags vorgetragenen
Allegorien über Leben und Tod werden durch eschatologische Symbole ergänzt. Das
Ganze ist in einem Dekorationssystem dargestellt, das einer römischen scaenae frons
gleicht, womit vielleicht auf den mimus vitae angespielt werden soll.

Insgesamt zeigt der Sarkophag ein überlegtes, in sich abgeschlossenes ikono-
graphisches Programm, wie es in dieser Ausführlichkeit und logischen Abfolge unter
den römischen Grabdenkmälern anderweitig nicht mehr erhalten ist. Da aber die
gleichen Gedanken, die in den Bildern des Sarkophags dargestellt sind, auch in
populärphilosophischen Schriften begegnen, vor allem in erstaunlicher Überein-
stimmung im pseudoplatonischen Dialog Axiochos, muß man annehmen, daß dieser
Sarkophag für viele verlorene Denkmäler steht, bei denen in ähnlich logischer Weise
ikonographische Programme eschatologischen Inhalts zur Darstellung gebracht
wurden.
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