Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 165
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Auf der anderen Seite sind aber auch Denkmäler nicht selten, die eine Fülle escha-
tologisch deutbarer Bilder zeigen, aber eine streng logische Anordnung vermissen
lassen. Eines der bedeutendsten dieser Art ist das Grab der Nasonier an der Via
Flaminia bei Rom, dem die zweite Studie gewidmet ist. Zunächst gilt es, das Grab in
seiner Gesamtheit kenntlich zu machen. Als Grundlage dafür stehen zur Verfügung:
die Reste des von Rodenwaldt wiederentdeckten Hypogäums an der Via Flaminia,
sechs aus den Wänden des Grabes herausgeschnittene Malereifragmente im Britischen
Museum und Zeichnungen des gesamten Grabschmucks, die P. S. Bartoli bald nach
der Entdeckung des Grabes 1674 angefertigt und gestochen hat. Der heutige Zustand
des Grabes wird in einer vollständigen photographischen Dokumentation festgehalten.
Auf Grund eines Vergleichs der schattenhaften Spuren der Grabmalereien mit Barto-
lis Stichen läßt sich der ursprüngliche Ort fast aller von Bartoli auf einzelnen Tafeln
wiedergegebenen Bilder bestimmen und überdies zeigen, daß Bartoli die Fresken ver-
hältnismäßig exakt gezeichnet hat. Eine Photomontage von Bartolis Stichen, in die
auch die noch erhaltenen Freskenausschnitte im Britischen Museum eingefügt wurden,
ermöglicht es, den in die Fläche geklappten Schmuck der Decke und Wände des
Grabes in seiner Gesamtheit zu überblicken und die Anordnung der Bilder zu er-
kennen. Aus den wesentlichen Maßzahlen, die man dem Grabe selbst entnehmen
kann, ergibt sich, daß das Dekorationssystem des Grabes nach einfachen Ver-
hältnissen der harmonischen Flächengliederung mit Zirkel und Lineal konstruiert
worden ist. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen zu diesem Dekorations-
system, vor allem zum Gewölbeschmuck, lassen die Eigentümlichkeit des Nasonier-
grabes deutlicher erkennen. Eine wegen des schlechten Erhaltungszustandes des
Grabes notwendigerweise kurz gehaltene stilistische Untersuchung der Malereien
bestätigt die schon von anderen vorgeschlagene Datierung des Nasoniergrabes in
das 3. Viertel des 2. Jhs. n. Chr. Auch die jetzt in Perugia aufbewahrte Inschrift-
tafel des Grabes, die erstmalig im Photo abgebildet wird, stimmt mit dieser Datie-
rung überein.

Besonders schwierig ist die Erklärung der einzelnen Bilder, die im Anschluß an
R. Eisler und in der Auseinandersetzung mit ihm versucht werden muß. Es ergeben
sich einige neue Deutungen, von denen hier nur genannt seien: die Deutung eines
Nischenbildes als die Einführung Laodamias in die Unterwelt, eines anderen als
Orpheus Bitte um Rückgabe der Gemahlin, eines weiteren als Adonis Rückkehr zu
Venus, schließlich die des bisher als größte crux interpretationis angesehene Deutung
eines Rechteckbildes der Decke als das Trojanische Pferd, das dem Parisurteil gegen-
übergestellt wird, wodurch Anfang und Ende der Sage von Troja versinnbildlicht sind,
die der späteren Antike als eine Allegorie des menschlichen Lebens galt. Jetzt läßt
sich noch klarer erkennen, daß der Grabschmuck nicht nach einem so strengen ikono-
graphischen Programm zusammengestellt wurde wie beim Sarkophag von Velletri.
Die einzelnen Bilder enthalten, für sich betrachtet, eschatologische Anspielungen,
sind aber vielfach nicht aufeinander bezogen. Es scheint, als ob aus dem Schatz der
in der Grabkunst geläufigen Darstellungen ohne große Überlegung Bilder ausge-
wählt wurden, die auf die einzelnen Bildfelder verteilt wurden. Immerhin lassen An-
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