Andreae, Bernard  
Studien zur römischen Grabkunst — Heidelberg, 1963

Seite: 166
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1963/0173
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
i66

deutungen einer gewissen Zuordnung einzelner Bilder zueinander vermuten, daß
auch die Bilder des Nasoniergrabes, die gewiß nicht für dieses Grab geschaffen wur-
den, ursprünglich aus logisch zusammengestellten ikonographischen Zyklen stam-
men, die in eklektischer Weise für die Dekoration des Grabes benutzt wurden. Auch
bei anderen Gräbern läßt sich oft ein Mangel an klarem zyklischem Aufbau des Bild-
schmucks beobachten. Man darf aber nicht aus dem bruchstückhaften Zustand der
Überlieferung eine Regel ableiten. Wir müssen uns vor Augen halten, daß die er-
haltenen Denkmäler nur einen ganz zufälligen Ausschnitt aus der Gesamtheit römi-
scher Grabkunst wiedergeben. Da die erhaltenen Denkmäler außerdem, unter dem
Gesichtspunkt des Inhalts und der Bildmotive betrachtet, vielfach bedeutender sind
als in der Form der Ausführung, müssen wir die Existenz vorbildlicher, nach Inhalt
und Form gleichermaßen bedeutender Denkmäler annehmen, die kopiert, exzerpiert
und kontaminiert wurden.

Wie man sich das vorstellen muß, zeigt die dritte Studie an einem besonderen
ikonographischen Problem, das die Verfahrensweise römischer Grabdekorateure
deutlich werden läßt. Ausgehend von dem seetüchtigen Schiff Charons auf dem Sarko-
phag von Velletri verfolgt diese Studie die Vorstellung von der Meeresfahrt der
Toten zu den Inseln der Seligen. Es läßt sich zeigen, daß diese Vorstellung den Bil-
dern von Meerwesen in der römischen Grab kunst, insbesondere auf den Sarkophagen,
zugrundeliegt. Eine andere Vorstellung kann damit verbunden werden: es ist die vom
Land der Hinkunft als dem Hafen der Seele, die in den Sarkophagen mit Erotenschiff-
fahrt eine Bildwerdung erfahren hat.

Unter diesen Sarkophagen gibt es ein bisher unbeachtetes Exemplar im Vatikan,
das das Hafenbild mit einer eigentümlichen Gruppe heroisierter Toter verbindet, die
sich auch in einem Wandgemälde der Casa Celimontana, in einem Lünettengemälde
eines Grabes vom Caelius und auf dem großen Hafensarkophag im Belvedere des
Vatikans findet. Eine vergleichende Untersuchung dieser vier Denkmäler führt zu
einer neuen Deutung, die einen aufschlußreichen Sachverhalt offenbart: das Wandge-
mälde der Casa Celimontana und das Lünettengemälde des Grabes zeigen eine Dar-
stellung, die als das Dasein vergöttlichter Menschen auf den Inseln der Seligen, um-
spielt von Eroten, Psychen und Meerwesen, zu deuten ist. Die motivisch gleiche
Gruppe vergöttlichter Toter, die mit Kränzen geschmückt in ihrem schönsten Tun,
dem Opfer, dargestellt sind, erscheint auf dem großen Hafensarkophag im Belvedere
des Vatikan. Hier ist die Gleichung: Hafen als eine Metapher für das Land der Hin-
kunft und Inseln der Seligen als ein anderes Bild dafür, vollzogen. Daß es sich wirk-
lich um den y.vatix.bc, opy-oc, tt)<; <\>vyj\c, handelt, zeigt die Darstellung zweier Schiffe
im Hafen, deren eines gerade vor Anker geht, während das andere, in dem man
Odysseus sieht, durch ein besonderes Vogelzeichen zum Anlegen aufgefordert wird.
Offenbar ist hier der literarisch überlieferte Topos gemeint, daß die Seele des Men-
schen nach den Irrfahrten des Lebens in den letzten Hafen einlaufen möge, so wie
auch Odysseus, dessen Leben häufig als Allegorie über das Menschenleben überhaupt
angesehen wurde, in den rettenden Hafen gelangte. Durch die Darstellung auf dem
loading ...