Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

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aufdecken, dann gibt es zwei ganz verschiedene, jedoch komplementäre
Methoden. Den einen Weg beschreitet das große von F. Matz begründete
Lieferungswerk der »Archaeologia Homerica«, indem es mit archäologi-
schen Mitteln die mykenische Welt, die die homerischen Gedichte schilder-
ten, und die geometrische Zeit, in der Homer lebte, erforscht, beschreibt und
wieder lebendig werden läßt6.

Der andere Weg ist derjenige nachzuverfolgen, wie die Künstler sich von
der inneren Schau des Dichters zur Verwirklichung von prägnanten Bildern
anregen ließen und wie sie das Erlebnis des dichterisch gestalteten Mythos in
Vasengemälden, Plastiken, Mosaiken umsetzten und dabei immer neue In-
terpretationen der Dichtung ans Licht brachten. Diesen zweiten Weg be-
schreitet das vorliegende Buch, Ergebnis einer Forschungsarbeit, welche
durch ein Ereignis vor fünfundzwanzig Jahren am Tag nach der Ankunft
des Verfassers am Monte Circeo ausgelöst wurde.

Der Wirt trat mit der ganzen Theatralik eines Mannes, der eine außeror-
dentliche Nachricht zu überbringen hat, an den Frühstückstisch: »Ihre Kol-
legen von der Archäologie haben in der Höhle von Sperlonga den Laokoon
gefunden!« Beim Bau einer Panoramastraße von Terracina am Meer ent-
lang nach Gaeta hatte man die sogenannte Grotte des Tiberius bei Sperlon-
ga, nicht weit vom Monte Circeo, untersucht und eine unvorstellbare Fülle
von Fragmenten zum Teil riesiger Marmorskulpturen gefunden und mitten
darunter eine Inschrift mit der Signatur der drei gleichen aus Rhodos stam-
menden Bildhauer Hagesandros, Polydoros und Athanadoros, welche
nach Plinius die schon im Altertum hochberühmte Laokoon-Gruppe ge-
schaffen hatten.

Dieses auch in neuerer 7,eit wohl berühmteste Stück antiker Plastik war
unter der größten Anteilnahme des humanistischen Rom im Jahre 1506 in
den unterirdischen Räumen von Kaiser Neros Goldenem Haus gefunden
worden. Plinius der Ältere, der beim Vesuvausbruch 79 n. Chr. ums Leben
kam, hatte in seiner Kaiser Titus (70-81 n. Chr.) gewidmeten Naturge-
schichte (36, 37) niedergeschrieben, daß diese marmorne Statuengruppe
allem vorzuziehen sei, was Malerei und Bildhauerkunst hervorgebracht ha-
ben. Diesen Text kannten die römischen Antiquare des 16. Jahrhunderts
natürlich, und so konnte es nicht ausbleiben, daß sie die neu gefundene
Skulptur mit dem von Plinius erwähnten Werk identifizierten. Nach sicherer
Überlieferung war es Giuliano da San Gallo1, jener durch die Bauleitung
am Petersdom in Rom berühmte Florentiner Architekt, der unmittelbar
nach der Auffindung als erster diese Identifizierung ausgesprochen hatte,
und seitdem war sie niemals ernstlich bezweifelt worden.

Nun wurde sie zum erstenmal in Zweifel gezogen, und zwar durch den
angesehenen Archäologen Giulio Jacopi, Leiter der Antikenverwaltung

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