Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 12
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von Rom und Latium, der sich seine Sporen vor dem Kriege in Rhodos ver-
dient und dort zahlreiche Skulpturen aus dem weiteren Umkreis der Lao-
koon-Meister gefunden hatte.

Schlagartig wurde klar, daß der Fund von Sperlonga eine Sensation er-
sten Ranges war, zweifellos eine der größten Entdeckungen der Archäologie
des zwanzigsten Jahrhunderts. Daß es ein Vierteljahrhundert dauern sollte,
bis eine tragfähige Grundlage zum historischen Verständnis dieser Entdek-
kung erarbeitet wäre, und daß man dazu weit ausholen mußte, war damals
kaum zu ahnen. Im Rückblick erkennt man, daß eine solche Entdeckung
die Forschung herausfordert und daß unmittelbar neben den leicht zu ge-
winnenden Erklärungen die schwierigen Rätsel und Widersprüche liegen.

Daß der Verfasser trotz anderer, vordringlicher Verpflichtungen immer
wieder in diese Forschungsarbeit hineingezogen wurde und sich von ar-
chäologischer Seite mit der Odysseus-Gestalt beschäftigte, kam nicht von
ungefähr. Der Keim dazu wurde zweifellos schon in früher Kindheit gelegt,
als die Mutter ihren Kindern die klassischen Sagen erzählte und die Ge-
schwister mit ihren Spielkameraden die Kämpfe um Troja im Sandkasten
austrugen oder den großen Garten hinterm Haus zum Schauplatz der Irr-
fahrten des Odysseus machten.

Die tiefere Frage, wer dieser Odysseus war, den man als Prototyp des eu-
ropäischen Menschen bezeichnen könnte, tat sich dann dem Gymnasiasten
des Gymnasiums Ludovicianum in Gießen auf, an dem ihm, 30 Jahre nach
dem Abitur, zum 375jährigen Jubiläum des Bestehens dieser Schule die
Festrede über das Odysseus- Thema aufgetragen wurde 8.

Das Bild des Odysseus hat den Verfasser überall hin begleitet, aber erst
ganz allmählich wurde ihm deutlich, daß man die Tiefe dieser Gestalt, so
viele Künstler, Dichter, Musiker und Denker sich auch um ihn bemüht ha-
ben 9, nicht ausloten könne. Die Odyssee ist ein unerschöpfliches Reservoire
zum Nachdenken.

Hier geht es darum, den Anregungen nachzuspüren, die das Dichtwerk
den bildenden Künstlern des Altertums gegeben hat. Dabei ist zu betonen,
daß dieses Buch keineswegs das erste ist, das sich diese Aufgabe stellt. Es
gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die dieses Problem weit umfas-
sender angehen 10. Darin beruht sogar die Rechtfertigung dafür, daß dieses
Buch das Odysseus- Thema in der antiken Kunst nicht in einem allgemei-
nen, sondern im Sinne der Ergebnisse behandelt, die der Autor durch eigene
Forschung zur Erhellung des Problems beitragen konnte. Es ist also in ge-
wissem Sinne ein Rechenschaftsbericht vor der Gesellschaft, die dem Ver-
fasser die Möglichkeit zu diesen Studien gegeben hat, und ein Dank an alle
einzelnen, im Nachwort namentlich Erwähnten, deren Hilfe auf die ver-
schiedenste Weise zur Vollendung dieser Studien beigetragen hat. Diese

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