Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 14
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geben der Beschäftigung mit dem Thema in der Bildenden Kunst bereits die
entscheidende Richtung. Daneben treten die anderen Abenteuer des Odys-
seus zurück, deren Gehalt sich wesentlich schwieriger in einer einzigen
künstlerisch gestalteten Szene erfassen läßt. Vergleichbar ist nur die Skyl-
la-Episode, die auch verhältnismäßig früh in das Repertoire der Mythenbil-
der aufgenommen wird, jedoch erst zu einer Zeit, als der Polyphem-Mythos
wegen des Mißverhältnisses, in dem der Riese zu den Menschen gebildet ist,
ästhetisch abgelehnt wird, nämlich in klassischer Zeit.

Die Hauptmasse der Denkmäler, in denen der Odysseus-Mythos gestal-
tet ist, findet sich nach der archaischen Kunst erst wieder in der römischen.
Die Uberlieferungsgeschichte ist aber trügerisch. Durch eine kunstge-
schichtliche Untersuchung, in der für jedes neue Problem auch neue Me-
thoden der Lösung erarbeitet werden müssen, läßt sich nämlich zeigen, daß
die erhaltenen römischen Arbeiten auf ältere, hellenistische Schöpfungen
zurückverweisen, die am Beginn eines breiten bis in die Spätantike reichen-
den Überlieferungsstromes von Darstellungen meist des Polyphem- und des
Skylla-Abenteuers stehen. In diesen Darstellungen wird Odysseus als Vor-
bild hingestellt.

Interessant ist, daß es vor allem die Regierenden sind, die sich in helleni-
stischer Tradition der Odysseus-Figur als exemplum virtutis bedienen. In
spätrepublikanischer Zeit war es Mode, große Wandelgänge in den palast-
artigen Häusern der Patrizier mit Darstellungen der Irrfahrten des Odysseus
nach hellenistischen Mustern zu bemalen. Der Triumvir Marcus Antonius
läßt den Dionysos- Tempel in Ephesos mit einer Giebelgruppe der Vorbe-
reitung zur Blendung Polyphems schmücken. Kaiser Tiberius gestaltet seine
Villa in Sperlonga als mythisches Naturtheater, in dem Odysseus als siegrei-
cher Held in vier Episoden auftritt. Die Ikonologie der Überwindung Poly-
phems durch die von Dionysos geschenkte Macht des Weines, die schon
sein Großvater Marcus Antonius als Tempelschmuck verwendete, läßt Kai-
ser Claudius in einem Grottennymphäum in Baiae am Westrand des Golfs
von Neapel in einer Marmorgruppe wiederholen, während dessen Nachfol-
ger Nero das offenbar berühmte Bronzevorbild dieser Gruppe im Gewöl-
bemosaik seines Goldenen Hauses in Rom zitiert.

Auch von zwei Nachfolgern auf dem Kaiserthron, Domitian und Ha-
drian, ist bekannt, daß sie das Odysseus- Thema zum wesentlichen Bestand-
teil der Ausschmückung ihrer Villen bei Castel Gandolfo beziehungsweise
bei Tivoli machten. Noch in der spätantiken Kaiservilla von Piazza Arme-
rina ist das Polyphem-Abenteuer in einer an Ephesos, Baiae und das Gol-
dene Haus des Kaisers Nero erinnernden Version das Thema eines der ein-
drucksvollsten unter den zahlreichen Fußbodenmosaiken. Die Rettung des
Odysseus und seiner Gefährten aus der Höhle Polyphems bietet Auftragge-

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