Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 15
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bern und Künstlern die Gelegenheit zu einer anschaulichen Metaphorik, die
für das europäische Menschenbild prägend war.

Doch Odysseus, der sich selbst bestimmende, in keiner Gefahr verzwei-
felnde, sondern auf Rettung sinnende, phantasievolle, dynamische Mensch,
findet sein Gegenbild in Laokoon, der im Recht ist und doch vom Schick-
sal vernichtet wird. Aufweiche verwickelte Weise das Bild von Odysseus
und sein Gegenbild Laokoon zueinander in Beziehung gesetzt sind, ist erst
durch die hier behandelten Forschungen der letzten 25 Jahre bekanntge-
worden.

Was auf den ersten Blick wie ein Zickzack- Weg von Griechenland
nach Italien, von Athen nach Korinth, Ischia, Caere und Rom, von dort
nach Ephesos und zurück nach Italien an den Golf von Neapel, nach
Baiae, an den Albaner See, nach Tivoli und Piazza Armerina auf Sizilien
führt, erweist sich als Nachvollzug eines konsequenten historischen Ent-
wicklungsgangs, der sich in die Vergangenheit zurückverfolgen und in die
nachfolgende Geschichte hineinbegleiten läßt. Dieser Entwicklungsgang
hat zum Inhalt, wie die dichterische Schau einer exemplarischen Persön-
lichkeit zum anschaulichen Bild wird, das die Vorstellungen auch des heu-
tigen Menschen prägt. Es bedarf einer besonderen Gespanntheit, die
vielen historischen Schichten abzuheben, die der Entstehung eines solchen
Inbegriffbildes zugrunde liegen.

Eine Einschränkung erscheint zum Schluß notwendig. Odysseus ist als
Repräsentant einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft11 ein Typus,
der in der Geschichte zwiespältig beurteilt werden mußte. Der byzantini-
sche Ilias-Kommentator Eustathios bemerkt zu Ilias X, 531: »Die Alten
haben Odysseus als den Verschlagenen, nicht als den Guten gestaltet.«
Man war sich der ambivalenten Deutungsmöglichkeiten immer bewußt.

Hier wird entsprechend dem Bild, das die antiken Künstler von Odys-
seus zeichnen, der positive Charakter hervorgehoben, der ihn zum Vor-
bild des europäischen Menschenbildes in seiner Komplexität werden ließ.
Daß es daneben den verlogenen, nachtragenden, heimtückischen, amora-
lischen Odysseus12 gibt, wird nicht geleugnet. Er hat aber mit dem, den die
Künstler gestalten, wenig zu tun und ist auch weniger der Held der Odys-
see als der Antiheld einer dem Dichter der Odyssee zwar bekannten, aber
von ihm nicht hervorgehobenen Parallelüberlieferung. Diese macht sich
im vorliegenden Buch vor allem im Aussetzen der Bilder in klassischer
Zeit bemerkbar, die das heldische Ideal eines Achill in den Vordergrund
stellte. Da aber im Odysseus das heldische Ideal der frühgriechischen
Adelsgesellschaft nicht nur überwunden wurde, sondern auch darin auf-
geht, kann Achill nicht das eigentliche Gegenbild zu Odysseus bleiben.
Dieses ist vielmehr im Typus des Laokoon zu sehen, wie zu zeigen ist.

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