Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 18
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S. 17 HOMER, oder genauer der Dichter der Odyssee, den man, wie den

Odfsseus aus Dichter der Ilias, Homer nennt, hat in der Odysseus-Gestalt einen neuen
Sperlonga. Menschentypus entworfen: Es ist der erste sich selbst bestimmende,
nicht mehr schlechthin dem Schicksal oder dem Willen der Götter un-
terworfene Mensch der Weltliteratur13.

Das wird besonders deutlich, wenn man Odysseus mit dem Helden
des anderen großen homerischen Epos vergleicht, mit dem Achill der
Ilias. Die Griechen liegen vor Troja. Die Pest, von Apollo gesandt, wütet
im Heer. Als Agamemnon zur Besänftigung des Gottes die Priestertoch-
ter Chryseis zum Vater zurücksenden muß und dafür Achills Ehrenge-
schenk, die Tochter des Briseus, verlangt, da packt Achill der Zorn, von
dem er nicht läßt, bis das Unglück auf ihn zurückfällt, sein Freund Patro-
klos erschlagen, Hektar, der ihn getötet hat, überwunden und der Leich-
nam des Feindes geschändet ist. Er bedenkt nicht die Folgen seiner
Handlungen, sondern gibt einem unaufhaltsamen inneren Impuls nach.
Nicht er selbst, sondern die eilends herbeigekommene Göttin Athena
hindert ihn, dem ersten Aufwallen des Zorns zu folgen, das Schwert zu
ziehen und den Atriden niederzuhauen - doch nur, damit ihm auf noch
fürchterlichere Weise Genugtuung zuteil wird ohne Rücksicht darauf,
daß so viele Trojaner und Griechen, ja selbst sein Geliebter Patroklos
um dieses rasenden Zornes willen ihr Leben verlieren müssen.

Auch Odysseus wird von mächtigen inneren Impulsen gelenkt, aber
er kann sie seiner verstandesmäßigen Einsicht und seinem Willen unter-
werfen. In der Höhle des einäugigen Riesen gefangen14, antwortet er
dem Kyklopen nicht geradeheraus, sondern bedenkt erst, welchen Nut-
zen Polyphem aus der Antwort ziehen könnte. Da der Riese ihn aus-
forscht, wo er sein Schiff hat, entweicht er ihm mit windigen trügerischen
Worten und sagt, das Schiff sei gescheitert, er selbst mit den wenigen hier
dem Übel entronnen. Als der Kyklop dann den riesigen Wanst mit Fraß
von menschlichem Fleisch und der Milch aus den Näpfen gemästet hat,
sich lang auf dem Boden ausstreckt und beim Vieh in der Höhle schläft,
da denkt Odysseus sofort, sein Schwert zu ziehen und hineinzustoßen,
wo die Leber hinter dem Zwerchfell sitzt. Doch bevor er die Tat aus-
führt, kommt ihm ein zweiter Gedanke:

»Selbigen Ortes wären auch wir zu Tode gekommen;

Denn wir vermochten es nicht, vom Tor der Höhle mit Händen

Fortzuschaffen den Stein, den unmäßigen, den er davorschob.«

Odysseus wird klar, daß der einzige, der das kann, der Riese selbst ist.
Er muß ihn also in seinen Rettungsplan einbauen, auch wenn das viel-
leicht bedeutet, daß er noch weitere Gefährten verliert. Er ersinnt vieles
und eines zuletzt, das ihm das beste erscheint: Um den Kyklopen un-

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