Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 22
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klos in seine, Achills, Rüstung und damit in eine Rolle schlüpft, die ihm
zu groß ist, sieht er nicht, daß jener diese Hybris mit dem Tode bezahlen
könnte. Auch als ihm selbst dreimal der eigene Tod als Folge seiner
Handlungen geweissagt wird19, läßt er von der Geradlinigkeit seines
Tuns nicht ab. Sein Handeln wird von einer unbeirrbaren Haltung be-
stimmt, von einem ritterlichen Ehrgefühl, das die Konsequenzen der
Handlungen nicht abwägen darf, sondern dem auf jeden Fall Genüge ge-
tan werden muß. Auch Odysseus kennt dieses ritterliche Ehrgefühl und
erträgt nicht, wenn es verletzt wird. Aber er ist geschmeidiger und geht
nicht geradlinig auf ein Ziel zu, wenn er auf gewundenen Pfaden eher
und sicherer hinzugelangen weiß.

Gibt es wissenschaftliche Mittel, die Frage zu klären, ob der Unter-
schied, den man zwischen den Hauptakteuren der Ilias und der Odyssee
festgestellt hat, ein Unterschied in der dichterischen Konzeption zweier
verschiedener Charaktere ist, die sehr wohl nebeneinander auftreten
können, oder ob es sich um zwei durch eine nicht umkehrbare historische
Entwicklung von einander getrennte Protagonisten deutlich unter-
scheidbarer Weltsichten handelt? Hier soll nicht von den Möglichkeiten
die Rede sein, welche die Philologie20 im weitesten Sinn zur Entschei-
dung dieser Frage entwickelt hat, sondern hier geht es um das Problem,
ob man die Verschiedenheit der Weltsicht, die zwischen Ilias und Odys-
see angenommen wird, im wahrsten Sinn des Wortes anschaulich ma-
chen kann. Dieses Problem kann nur mit archäologisch-kunstgeschicht-
lichen Methoden angegangen werden: das heißt durch die Betrachtung
und Interpretation von Kunstwerken der Zeit, in denen sich die jeweilige
Weltsicht spiegelt.

Hier ist zunächst festzustellen, daß nur die Archäologie in der Lage
ist, einigermaßen feste Daten für die Entstehungszeit von Ilias und
Odyssee zu liefern. Die frühesten Fixpunkte der griechischen Ge-
schichte nach der Zerstörung der mykenischen Burgen, die man durch
Synchronismen mit der ägyptischen Geschichte um 1200 v. Chr. anset-
zen kann, sind die Gründungsdaten der griechischen Kolonien in Sizilien
und Unteritalien. Mit Hilfe dieser Daten konnte man die Entstehungs-
zeit der frühgriechischen Vasen von der geometrischen Form an über die
sogenannte orientalisierende Epoche bis in die früharchaische Zeit in ein
erstaunlich genaues chronologisches Gerüst bringen, das sich durch
neuere Funde in datierbaren Schichten von Siedlungen im Vorderen
Orient bestätigen ließ21.

Für die Datierung der homerischen Gedichte durch Anbindung an
dieses chronologische Gerüst sind zwei grundverschiedene Zeugnisse
von ausschlaggebender Bedeutung.

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