Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 28
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tenen ersten Viertels des siebenten Jahrhunderts eine intensive Beschäf-
tigung mit dem in der Odyssee dargestellten Polyphem-Mythos. Darf
man diese Vasen, mit denen als Kunstwerke wir uns im übernächsten
Kapitel ausführlicher befassen wollen, als Werke ansehen, welche die
Odyssee voraussetzen? Könnten Epos und Vasenbilder nicht gänzlich
unabhängig voneinander einen in der mündlichen Tradition an vielen
Orten überlieferten Mythos sehr viel älterer Zeit reflektieren?

Nach den hier vorgetragenen Überlegungen zur Eigenart der Odys-
seus-Gestalt, die besonders deutlich in der Polyphem-Episode hervortritt,
kann das nicht der Fall sein. Die Polyphem-Episode ist in der Weise, in
der sie in der Odyssee erzählt wird, nicht die dichterische Gestaltung ei-
nes alten Mythos, sondern sie ist Gedankengut des Dichters der Odys-
see. Denn nur ein Mensch, der so denkt wie der Odysseus der Odyssee,
kann das Polyphem-Abenteuer so bestehen, wie er und wie es die frühen
Vasenbilder wiedergeben. Diese müssen also unter dem unmittelbaren
Eindruck Homers, oder genauer, um dies noch einmal zu sagen, des
Dichters der Odyssee, den man, wie den der Ilias, Homer nennt, geschaf-
fen sein. Es gilt jetzt zu präzisieren, daß er allem wissenschaftlichen Er-
messen nach kaum der gleiche gewesen sein kann. Denn das massierte
Auftreten von Darstellungen des Odysseus-Mythos in der Zeit um 675
v. Chr. spricht dafür, daß das Epos von Odysseus, der den Sohn des Po-
seidon blendet und deshalb vom Erderschütterer und Gott des Meeres
erbarmungslos verfolgt wird, nicht sehr lange zuvor entstanden ist. Man
wird es in die beiden ersten Jahrzehnte des siebten Jahrhunderts datie-
ren müssen. Es ist also etwa ein halbes Jahrhundert später als die Ilias
entstanden, und entsprechend verschieden ist auch die Weltsicht, die aus
dem Handeln der beiden Protagonisten Achill und Odysseus spricht.

Natürlich kann man nicht restlos ausschließen, daß die Ilias das Le-
benswerk eines Dichters ist, der ein halbes Jahrhundert später das Al-
terswerk der Odyssee geschaffen habe. Hier kommt einem das Verhält-
nis des Dichters des ersten Teiles des Faust zu dem des zweiten in den
Sinn. Im Leben Goethes gibt es aber eine Entwicklung, die vom ersten
zum zweiten Teil der Tragödie führt. Eine solche Entwicklung ist zwi-
schen Ilias und Odyssee nur schwer vorstellbar. Hier liegt vielmehr ein
tiefgehender Strukturwandel vor. Würde es schon sehr schwerfallen, die
Ilias für etwas anderes anzusehen als für das Lebenswerk eines reifen
Menschen, der nicht mehr so lange leben konnte, um ein halbes Jahr-
hundert später noch ein zweites gleichwertiges Lebenswerk zu schaffen,
das nicht wie das abgeklärte Alterswerk eines Greises wirkt, sondern voll
von jugendlichem und männlichem Drang ist, so ist die tiefe Gegensätz-
lichkeit der Struktur in einer einzigen Seele erst recht unvorstellbar.

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