Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 30
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IM folgenden sei mit archäologischen Mitteln versucht, diesen Struk-
turunterschied anschaulich zu machen, indem je ein charakteristisches
Kunstwerk aus der Mitte des achten und vom Beginn des siebten Jahr-
hunderts auf ihre Strukturunterschiede und auf mögliche Strukturäqui-
valenzen zu den jeweils gleichzeitigen Epen, das heißt des früheren zur
Ilias und des späteren zur Odyssee hin untersucht werden.

Als eines der Hauptwerke reifgeometrischer Kunst der Zeit, in der
die Ilias entstanden ist, gilt die 1,55 m hohe Amphora 804 im Athener
Nationalmuseum30, die als Grabmal auf einem Frauengrab im Friedhof
am Eridanosfluß vor dem Athener Doppeltor, dem Dipylon, stand, nach
dem der Vasenmaler, der dieses gewaltige Gefäß mit mehr als hundert-
tausend geduldig und gleichmäßig aufgetragenen Pinselstrichen verziert
hat, seinen Namen erhielt: der Dipylon-Meister. Wegen seines unver-
kennbaren Stiles konnte man ihm noch eine ganze Reihe von Vasen zu-
weisen, die sein Ringen um das Kompositionsproblem erkennen lassen.

Auf den ersten Blick fällt es schwer, das mit Streifen und schräg-
schraffierten Mäandern verzierte Gefäß, bei dem nur in drei der Streifen
eigentümlich strenge figürliche Elemente erscheinen, für ein der reichen
und bunten Bilderwelt der Ilias gleichzeitiges Kunstwerk zu halten. Erst
wenn man bedenkt, daß »die Figuren Homers in einen Lebensraum von
mathematischer Anschaulichkeit und Klarheit gestellt sind«31, und
wenn man versucht, die bildlichen Elemente auf der geometrischen Am-
phora im homerischen Stil zu beschreiben, wie Roland Hampe dies in
dem im folgenden wiedergegebenen Abschnitt32 gelungen ist, gewinnt
man einen Standpunkt, von dem aus die Zeitverwandtschaft des Epos
und der geometrisch verzierten Vase verständlich wird.

Roland Hampe beschreibt die Aufbahrungsszene, die sogenannte
Prothesis, im breitesten Streifen an der Stelle der weitesten Ausladung
der Bauchhenkelamphora:

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