Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 31
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»Sie legten den Toten auf das schöne Totenbett, zogen ihm das lin-
nene Totengewand an, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte, und
deckten darüber das stattliche Bahrtuch. Dann versammelten sie sich zur
Totenklage. Neben der Bahre saßen Sänger auf Schemeln und stimmten
den Totengesang an. Die Frauen fielen immer wieder mit ihren Wehru-
fen ein. Die bestellten Klagefrauen waren neben der Bahre in die Knie
gesunken, die anderen standen in großer Zahl um den aufgebahrten To-
ten herum. Sie rauften sich die Haare, zerkratzten sich Wangen und
Hals, schlugen sich Kopf und Brust. An der Bahre aber standen die näch-
sten Angehörigen, am Kopfende die Gattin und das Kind, Leintuch und
Bett mit ihren Händen berührend. Sie vergossen viele Tränen, und ihre
Klagerufe, ihr schrilles Aufjammern erregten auch in der Menge der
Umstehenden anhaltenden Jammer. So klagten sie die ganze Nacht
durch. Dann aber kamen die Männer, im Schmucke ihrer Waffen, um
den Toten auf den Leichenwagen zu heben und ihn in feierlichem Zug
zum Grabe zu geleiten.«

In diesem Bilde wird offenbar, daß die Vase ein Grabmonument ist.
Die feierliche Aufbahrung der Toten, die Prothesis, ist ein Ritual, das im
frühen Griechenland durch prunkvollen Aufwand das Ansehen des To-
ten und seiner Familie sichtbar machen soll. Die Aufbahrung des Patro-
klos ist eine entscheidende Episode im Aufbau der Ilias XVIII, 352f.:
»Sie legten ihn auf Decken und breiteten köstliches Leinwand
Ihm vom Haupt zu den Füßen und darauf den schimmernden Teppich.«
Versucht man, auch die Streifen mit grasenden Steinböcken und liegen-
den Rehen, die scheu den Kopf mit aufgestellten Lauschern zurückwer-
fen, im Sinne homerischer Gleichnisse aus der Gesamtbedeutung der
Vase als Grabmal zu interpretieren, so könnte man mit Klaus Stähler33
von der Todesverfallenheit der Wildtiere sprechen, in deren Herden der
Löwe als Werkzeug des alles dahinraffenden Todes einfällt.

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