Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 32
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Es ist die Frage aufgeworfen worden34, ob es eine Möglichkeit gebe,
auch den geometrischen Mäander gegenständlich zu deuten, und da sich
im Laufe der Zeit Mäandermotive nicht selten zu pflanzlichen Ranken
weiterentwickeln, ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß in
den Mäandern neben der Menschen- und der Tierwelt, die in bestimm-
ten, durch ihre Stellung hervorgehobenen Streifen an Körper und Hals
der betrachteten Vase begegnen, der dritte, weiteste Bereich der Natur,
die Pflanzenwelt, reflektiert sei. Das unvermittelte Nebeneinander von
Lanzettblättern und rankenden Mäandern ließe sich so leichter erklären.
Wenn den heutigen, von der gegenstandslosen Malerei bestimmten Au-
gen der Mäander als ungegenständliches Element erscheint, so ist er vom
abstrahierenden, gleichnishaften Denken homerischer Zeit her viel-
leicht eher als eine abstrakte Formulierung der Naturwelt zu verstehen,
die sich auf der monumentalen Vase als ein Kosmos von nicht geringe-
rem Reichtum darstellt als der, den die Ilias wiedergibt.

Diese das Todeslos in verschiedenen Bildern der Pflanzen-, Tier- und
Menschenwelt thematisierenden Darstellungen sind nun nicht an belie-
bigen, sondern an durch die Vasenform festgelegten Stellen in den Strei-
fendekor eingefügt, der nach einem kompromißlosen Gesetz das Gefäß
von unten bis oben überzieht.

Schon die Gefäßform selbst ist nicht beliebig, sondern der eiförmige
Körper des Gefäßes, der zweimal so hoch ist wie der Hals, hat die Stelle
seiner breitesten Ausdehnung genau in der Mitte des ganzen, aus Körper
und Hals mit einem Standring unten und einer Lippe oben zusammenge-
fügten Gefäßes. Das bedeutet, daß das einfache Zahlenverhältnis von 1
zu 2, in dem der Hals zum Körper steht, und die Halbierung des ganzen
Gefäßes durch die Henkelzone die grundlegenden Verhältniszahlen 3
und 2 in einen untrennbaren, das ganze durchwirkenden Zusammen-
hang bringen.

Um dem Streifendekor seinen unverrückbaren, notwendigen Platz
auf dem Vasenganzen zu geben, wurden nun mittels einer nach den Po-
tenzen von 2 und 3 in 24 beziehungsweise 12 Teile geteilten Schnur der
Vasenkörper in 24 und der halb so hohe Hals in 12 gleiche Abschnitte
eingeteilt. Von diesen wurden nach dem einfachen Gesetz der wachsen-
den Glieder 6 Teile für einen dunkel zu firnissenden Sockel, 8 Teile für
die Wandung, 10 Teile für die Schulter und 12 Teile für den Hals zu grö-
ßeren Einheiten zusammengefaßt. Als Grundbreite für die einzelnen
Streifen wurden je zwei Abschnitte gewählt, die aber an bestimmten
Stellen zur Akzentuierung des Aufbaus um die gleiche Differenz ver-
schmälert werden konnten, um die der darüberliegende Streifen verbrei-
tert wurde, so daß in der Summe die Breite der Streifen ausgeglichen ist.

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