Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 33
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Zur Trennung der einzelnen Streifen wurde ein Ornamentband ver-
wendet, das aus der keramischen Technik einfach zu entwickeln war und
die waagerecht sich spannenden Kräfte mit nach oben und unten stre-
benden verband. Zunächst wurde eine Reihe von Punkten in gleichem
Abstand auf die mit der Töpferscheibe ruckartig rotierende Vase ge-
tupft. Durch 7 solcher Punktreihen auf dem Körper und 4 auf dem Hals,
zu denen zur Vollendung der Zwölfzahl eine weitere auf der Lippe hin-
zukam, konnte die Grundeinteilung der Vase nach dem von unten nach
oben steigenden Rhythmus von 6:8:10:12 bereits festgelegt werden.

Um die Punkte wurden sodann zwei gegeneinander verschobene
Zickzacklinien gezeichnet, so daß eine Gitterkette entstand. Dabei dien-
ten die Punkte als Anhalt für die Höhe, auf der die Gitterketten sich
kreuzen oder die Breite, auf der die Zickzacklinien umbrechen sollten.
Oben und unten ließ man je eine Schar von drei parallelen Linien die
Gitterkette begleiten. Dieses aus drei Streifen oben, der Gitterkette in
der Mitte und drei Streifen unten bestehende Trennmotiv kehrt, wie ge-
sagt, zwölfmal auf der Vase wieder, und zwar in der bemerkenswerten
Verteilung von sieben auf dem Körper und fünf auf dem Hals, die Lippe
eingerechnet. Hier wirkt sich die Grundeinteilung von 2mal 12 Ab-
schnitten des Körpers und lmal 12 Abschnitten des Halses aus, die aber
durch einen kunstvollen Rhythmus verschleiert wird. Die durch das
Trennmotiv der Gitterkette gerahmten aus anderthalb, zwei, zweiein-
halb oder drei Grundabschnitten gebildeten Streifen werden nun mit
verschiedenartigen Mäandermotiven gefüllt, welche aus dem einfachen
Streifendekor einen kunstvollen Aufbau machen.

Das Prinzip, nach dem die einzelnen Elemente dieser Komposition
verbunden sind, könnte man als Verklammerung bezeichnen. Denn die
einzelnen, triadisch aufgebauten Streifen, deren Randelemente zugleich
die Randelemente der anschließenden Streifen sind, werden durch
übergreifende Bezüge zu immer größeren Einheiten zusammengefaßt
und durch Verschränkung in eine dynamische Beziehung zueinander ge-
setzt.

Die Dynamik dieser Beziehung wird durch die überlegte Auswahl
und Anordnung der Mäandermotive begründet, die für sich genommen
als ein schwebendes, nicht etwa notwendig als lastend empfundenes
Band mit einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Umlaufdynamik
angesehen werden. Die dichte Abfolge von Rahmenmotiv und Mäan-
derstreifen läßt jedoch den Eindruck einer von unten nach oben aufge-
bauten Streifenarchitektur entstehen, in der das Rahmenmotiv zu einem
lastenden, die Mäanderstreifen hingegen zu einem aufstrebenden Teil
der Komposition werden.

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