Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 40
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Nach dem Ende dieser langen in die Runde der Gastfreunde im Palast
des Phäakenkönigs Alkinoos hereingeholten Geschichte schreitet die
Handlung wiederum in zwei Strängen nach vorne weiter: Odysseus
kommt endlich heim nach Ithaka, während auch Telemach, durch
Athena gerufen, sich von Sparta nach Hause aufmacht.

So bildet Ithaka den dritten Knotenpunkt, in dem die Handlungs-
stränge zusammenfließen. Hier erzählen Athena und der Sauhirt Eu-
maios in zwei parallelen Berichten, die man den zurückgreifenden Ran-
kengeschlingen vergleichen könnte, was sich inzwischen in Ithaka zuge-
tragen hat.

Nachdem auch Telemach in Ithaka angekommen ist, schreitet die Er-
zählung des Dichters als gegenwärtiges (nicht berichtetes) Geschehen
voran: Die Auseinandersetzung mit den Freiern als der eine, das Wie-
dersehen mit Penelope als der andere tragende Handlungsstrang. Diese
beiden Handlungsstränge treffen sich, als Odysseus zum Endkampf mit
den Freiern antritt, zu dem Penelope den Bogen bringt.

An diesem Punkt wird wiederum durch zwei parallele Erzählungen in
die Vergangenheit zurückgegriffen. Odysseus berichtet Penelope von
seinen Irrfahrten, und die Seelen der Freier treffen im Hades Agamem-
non und Achill, die noch einmal den Untergang Trojas und ihr eigenes,
zu dem des Odysseus kontrastierendes Geschick beschwören.

Und ein letztes Mal geht die Handlung in zwei Strängen weiter: Auf
der einen Seite das Wiedersehen mit Laertes und auf der anderen der
Streit mit den Anverwandten der Freier, der durch ein Machtwort des
Zeus beendet wird, so wie auch am Anfang ein Spruch des Zeus steht,
der Kalypso auffordert, Odysseus freizugeben. So ist die Komposition
der Odyssee in einer dem Vasenornament vergleichbaren Weise am An-
fang und Ende in einem Punkt gleichsam festgemacht durch den Willen
des höchsten Gottes. Aber dazwischen entwickeln sich die nach vorne
strebenden oder zurückgreifenden Handlungsstränge in freier Ver-
schlingung, die jeweils in einen Handlungsknoten verflochten sind, wo
der Dichter Odysseus selbst gegenwärtig auftreten läßt. Der Vergleich
zwischen der Komposition des Epos von der Heimkehr des Odysseus
und der Komposition des Vasenornamentes führt zu einer verblüffenden
Evidenz, die nur in einer gemeinsamen Sehweise der Künstler in der
Entstehungszeit der beiden zweifellos voneinander unabhängigen
Kunstwerke beruhen kann. Es handelt sich um Strukturäquivalenzen,
die auf eine neue, dieser Zeit an der Wende des achten zum siebenten
Jahrhundert vor Christus eigenen, von ihr zuerst entwickelten Den-
kungsart schließen lassen, welche auch die Schaffung des neuen, in
Odysseus verkörperten Menschenbildes ermöglicht hat.

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