Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 42
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S. 41 DIE dichterische Erfindung des Polyphem-Abenteuers, in dem das

^olyphem'"8 neuartige Menschenbild des Odysseus besonders deutlich gezeichnet ist,
auf dem Krater wird noch nicht lange bekannt gewesen sein, als sich auch schon die bil-
Aristonothos denden Künstler des Themas bemächtigten. Denn anders als durch den
Einfluß des großen Epikers, der diesen Mythos nicht nur gestaltet, son-
dern, wie wir sahen, geschaffen hat, kann man das plötzliche, gehäufte
Auftreten von Darstellungen dieses Mythos in der griechischen Vasen-
und Kleinkunst in der ersten Hälfte des 7. Jhs. v. Chr. nicht erklären.

Aus den an vielen Orten der griechischen Welt auftauchenden Bil-
dern seien nur drei besonders ausdrucksvolle und frühe herausgegriffen,
eine altattische Amphora in Eleusis38, ein Kraterfragment aus Argos39
und ein Mischkrug aus der Etruskerstadt Caere (Cerveteri), »die frühe-
ste unter den bedeutenden Vasen, die eine Töpfersignatur von griechi-
scher Hand tragen«40.

Alle diese Bilder lassen zwar deutlich erkennen, daß sie nichts ande-
res als die vom Dichter beschriebene Episode meinen, sie weichen aber
in einem Punkt entscheidend von der Schilderung des Epos ab: Dort41
wird der Blendungsakt mit dem Vorgehen eines Schiffsbaumeisters ver-
glichen, der einen Holzklotz durchbohrt, indem er den Bohrer, den zwei
Helfer mit einem darum geschlungenen Riemen drillen, senkrecht in den
Klotz treibt, wobei er sich von oben her daraufstemmt und dreht. Man
soll sich vorstellen, daß der trunkene Riese flach am Boden liegt und der
Pfahl mit der glühenden Spitze von oben ins Auge gestoßen und hinein-
gebohrt wird.

Unter den vielen griechischen Darstellungen der Blendung des Rie-
sen Polyphem gibt es nur eine einzige42, welche den Vorgang so gestal-
tet, und diese ist bezeichnenderweise nicht eine Illustration des Epos,
sondern eine des Satyrspieles Kyklops des Euripides. Die Vorstellung
eines senkrecht von oben ins Auge des waagerecht liegenden Riesen ge-
stoßenen Pfahles muß den Künstlern komisch erschienen sein. So lassen
sie vom ersten Versuch einer Verbildlichung der Mythenszene an durch
die archaische bis zur hellenistischen und römischen Kunst Odysseus
und die Gefährten den glühenden Ölbaumpfahl immer wie einen
Rammbock oder Speer, mehr oder weniger waagerecht, zustoßen, wobei
sie den Knüttel bald über dem Kopf schwingen oder ihn mit herabhän-
genden Armen zwischen sich tragen und geradeaus in das Auge des Rie-
sen lenken, der dann natürlich nicht am Boden hingestreckt sein darf,
sondern halb sitzend und höchstens leicht nach hinten gesunken darge-
stellt werden muß.

Als sich die früharchaischen Vasenmaler daran machten, das dichte-
risch im zeitlichen Ablauf erzählte mythische Geschehen in ein momen-

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