Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 43
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1982/0047
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
tanes, d. h. auf einen Blick zu erfassendes Bild umzusetzen, sahen sie
sich noch einer anderen Schwierigkeit gegenüber, die eine grundsätzli-
che Schwierigkeit der bildenden Kunst gegenüber der Dichtkunst ist -
wie schon G. E. Lessing in seiner berühmten Abhandlung »Laokoon«
darlegte.

Literatur kann jedes Geschehen im zeitlichen Nacheinander vor dem
inneren Auge des Lesers sich vollziehen lassen, die bildende Kunst aber
stellt es im unveränderlichen zeitlichen Miteinander dar. Die Lösung,
die Lessing in der Wahl des fruchtbaren Augenblicks sieht, war der frü-
hen griechischen Kunst, welche nicht die Erscheinung, sondern das Sein
der Dinge darstellen wollte, verwehrt. Die Künstler dieser Frühzeit
mußten eine Erzählweise entwickeln, in der Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft anschaulich erfahrbar waren.

Im Halsbild der Amphora von Eleusis ist dies auf folgende Weise ge-
löst: Der Riese sitzt mit geöffnetem Auge und scheint sich an den Henkel
der Amphora zu lehnen. In der Rechten hält er den Becher, den Odys-
seus ihm dreimal gefüllt hat. Mit der Linken aber greift er nach dem

In diesem
ältesten

bekannten Bild
des Polyphem-
Ahenteuers
werden die
Phasen des
Blendungs-
vorgangs in
archaisch
additiver
Erzählweise
vergegen-
wärtigt: Der
Riese hält
noch den
Becher, er ist
schon trunken,
der Pfahl
dringt ins
Auge, er reißt
ihn heraus.

43
loading ...