Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 50
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5.49 IM Skylla-Abenteuer zeigt Odysseus, daß es ihm ebensowenig an

Skylla auf Mut mangejt wje Achill. Kirke46 hatte ihn beim Aufbruch von Aiaia vor

bronzenen den Gefahren der Rückfahrt gewarnt, vor den Sirenen und vor den Fel-

Spiegelkasten. sen ^ schejterns, ^en piankten, zusammenschlagenden Klippen, zwi-
schen denen nicht einmal eine Schar Tauben hindurchfliegen kann,
»sondern auch von ihnen nimmt immer eine der schroffe Felsen hin-
weg« . Hier war nur die Argo, das Schiff Jasons, mit Heras Hilfe als einzi-
ges heil vorbeigekommen. In diese Richtung zu fahren, hatte keinen
Sinn. Aber auch in der anderen lauern Gefahren: Skylla und Charybdis.
Beide sind unbezwingbar; im Strudel der Charybdis würde das ganze
Schiff zugrunde gehen. Skylla hingegen, die Kirke wie eine Riesenkrake
beschreibt, würde zwar mit ihren sechs Fangarmen sechs Gefährten aus
dem Schiff reißen, wenn Odysseus, um dem Strudel zu entgehen, nah an
ihrer Klippe vorbeifährt, aber das ist besser, als alle miteinander zu ver-
lieren. Odysseus folgt dem Rat Kirkes mit der Ausnahme, daß er Skylla
doch gewappnet mit zwei Speeren in den Händen auf dem Schiffsbug
entgegentritt, obwohl Kirke gewarnt hatte: »Da ist keine Abwehr: Vor
ihr zu fliehen ist das beste!«

Im Gegensatz zur Polyphem-Episode haben die Künstler sich erst
spät daran gewagt, das Untier Skylla bildnerisch zu gestalten. Dabei ge-
ben sie ihr von vornherein eine Gestalt, die im Text nicht in dieser Weise
beschrieben war.

Der Dichter der Odyssee47 nennt sie die schrecklich Bellende und
fügt hinzu, »sie hat eine Stimme wie die eines neugeborenen Hünd-
chens« und das, obwohl sie ein Ungetüm ist mit zwölf unförmigen
Stummelfüßen und sechs überlangen Hälsen, und auf jedem ein greuli-
ches Haupt, darinnen drei Reihen dichtgedrängte, todbringende Zähne.
Kein Wort von einem menschlichen oder gar weiblichen Oberkörper.
Vielmehr scheint dieses Untier eher den Riesenkraken ähnlich zu sein,
die in der Tat bellende Töne von sich geben, allerdings endigen ihre
Fangarme nicht in Haifischköpfen mit ihren drei Zahnreihen.

Die Künstler48 haben an diesem Mischwesen, das die Ausgeburt ei-
ner dichterischen Phantasie ist, welche sich von der Natur zwar anregen,
aber nicht festlegen ließ, drei entscheidende Veränderungen vorge-
nommen: Sie gaben Skylla als weiblichem Wesen den Oberkörper einer
Frau, sie verwandelten die Hälse und Köpfe wegen des Gebells, das sie
ausstieß, in Hundevorderkörper, und sie ließen aus ihrem Unterkörper
nach hinten Fischschwänze herauswachsen, da Skylla ein meerbewoh-
nendes Ungetüm ist.

Schon in den ältesten Skylla-Darstellungen der Kunst, die jedoch erst
in frühklassischer Zeit entstehen, zu einer Zeit also, wo die sehr viel älte-

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