Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 56
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S. 55 DIE Irrfahrten des Odysseus, den Poseidon, der Gott des Meeres, mit

imLanddsr unablässigem Zorn verfolgt, weil jener ihm den Sohn Polyphem geblen-
Lüstrygonen. det hatte, sind vom Verlassen der Kyklopeninsel an bis zum Skylla-

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aus den Abenteuer in einem berühmten antiken Gemäldezyklus dargestellt, der

Odyssee- 1849 im Wohnhaus eines römischen Patriziers spätrepublikanischer Zeit

auf dem Esquilinischen Hügel gefunden wurde und in die Vatikanische
Bibliothek gelangte58. Hier hängen die Freskenausschnitte in schweren
Goldrahmen. Will man die ursprüngliche Anbringung der Wandge-
mälde erkennen, muß man die gemalte Scheinarchitektur beachten,
durch die hindurch der Blick in den weiten Landschaftsraum gelenkt
wird, wo das Schiff des Odysseus in kontinuierender Darstellungsweise
mehrfach wiederbegegnet.

Von diesem illusionistischen Architekturprospekt ist nur der obere
Teil erhalten. Man muß die roten Pfeiler mit ihren vergoldeten Kapitel-
len, welche im Verein mit scheinbar von der Außenseite der Wand dage-
gengelegten braunen Pilastern das Gebälk über dem fensterartigen
Durchblick tragen, bis nach unten zu einem gemalten Sockel ergänzen,
um die Gliederung der ursprünglich annähernd 20 m langen und über
5 m hohen Wand wiederzugewinnen, die in ihrem oberen Abschnitt
fortlaufend die Landschaftsbilder trug. Von den ursprünglich 10 Bildern
sind sieben ganz erhalten, eines, und zwar das erste, das gewiß die Ky-
klopen-Insel zeigte, ist vollkommen zerstört, das siebte weist nur noch
Spuren der Bemalung rechts oben auf. Vom letzten ist nur ein Fragment
des linken Randes erhalten. Aber die übrigen sieben, die alle wesentli-
chen Episoden der Irrfahrten wiedergeben, wie Odysseus selbst sie am
Hofe des Alkinoos erzählt, sind in erstaunlicher Frische und Vollkom-
menheit erhalten. Dem Maler kam es darauf an, die Weite und Vielge-
staltigkeit der Landschaft zu zeigen, durch die Odysseus irren muß und
in der sich der Untergang seiner Flotte und aller seiner Gefährten unauf-
haltsam vollzieht. Besonders ausführlich, in drei Abschnitten, und noch
auf einen vierten übergreifend, werden die Geschehnisse im Lande der
Lästrygonen geschildert.

Die Lästrygonen sind unzivilisierte, menschenfressende Riesen, de-
ren Wut nur Odysseus mit einem Schiff und seiner Mannschaft ent-
kommt, weil er aus mißtrauischer Voraussicht nicht in der einladenden
Bucht, sondern am freien Gestade vor Anker gegangen war. Die Bilder,
in denen die Geschichte ausgemalt ist, liest man ganz anders als die nur
fünfzig Verse im 10. Buch der Odyssee59, in denen sie erzählt wird. Dem
Dichter selbst ist das Geschehen ungleich wichtiger als die Landschaft, in
der es sich vollzieht. Odysseus, der von schroffer Warte aus über das
Land der Lästrygonen blickt, sieht weder Werke von Rindern, das heißt

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