Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 60
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über die zerzausten, sich duckenden Bäume fegen, die auf den dunklen
Felsen wachsen.

Die idyllische Szene mit den Personifikationen des Gestades als
Kahnfahrer, der Quelle als Nymphe, eines Berggottes als ruhender
Mann, mit Ziegen- und Rinderherden auf den Weiden, also ausgerech-
net dem, was Odysseus beim Blick von seinem schroffen Ausguck ver-
mißte, scheint zunächst um ihrer selbst willen dazusein und wird erst in
zweiter Linie durch die kleinen Figuren der lebhaft gestikulierenden
Kundschafter im Zentrum, die sich plötzlich einer Riesin gegenüber se-
hen, zur Odyssee-Landschaft.

Im nächsten erhaltenen Wandausschnitt setzt sich hinter dem Pfeiler
die Landschaft fort. Hirten sind bei ihren Herden auf der Weide, die in
einer gehörnten Pansfigur mit der Beischrift Nomai (Weiden) personifi-
ziert ist. Im Vordergrund säuft ein Ziegenbock aus der Quelle, zu der das
Lästrygonenmädchen strebt. Im Mittelgrund sieht man als Silhouette ei-
nen Hirten vor dem hellbeschienenen Feld, und im Hintergrund links
oben zeichnen sich die Konturen eines einfachen Stadttores ab, das zu
der türmebewehrten Mauer auf dem Kamm des Berges zu gehören
scheint, der Stadt der Lästrygonen. Diese eilen auf den Ruf ihres Königs
Antiphates von allen Seiten herbei. Sie brechen Äste als Waffen von den
Bäumen, heben mächtige Feldsteine auf und werfen sie von der Höhe
der den Hafen umringenden Felsen auf die Schiffe der Griechen. Einige
der Riesen sind sogar ins Wasser gestiegen und stürzen die Schiffe wie
Kähne mit splitternden Riemen um.

Dabei achtet der Maler auf eine genaue Perspektive mit hohem Aug-
punkt, so daß der Horizont im oberen Drittel des Bildes liegt und man
die Landschaft von oben herab zu den Füßen sich ausdehnen sieht. In
sechs verschiedenen Größenabstufungen sind die Figuren vom Vorder-
grund zum Hintergrund gestaffelt, und während im Vordergrund alles
kräftig erscheint, sind die Formen im Hintergrund wie von einem ver-
blauenden Dunst umfangen. Seine Tiefe erhält der Raum aber nicht
durch diese virtuos gehandhabten Mittel der Luftperspektive, sondern
durch eine geschickte Verteilung von Felsmassiven und offenen Land-
schaftsräumen, in der mehr Kunst ist, als man bei einem unreflektierten
Betrachten dieser so natürlich wirkenden Landschaftsbilder annehmen
möchte.

Man kann dies am besten bei der Betrachtung des folgenden Bildes
erläutern, in dem man links das Schiff des Odysseus mit geschwellten Se-
geln und im Takt bewegten Riemen hinter einem bizarren Steilabfall der
Felsenbarriere hervorkommen sieht, die sich im Rücken der Seefahrer
um die verhängnisvolle Bucht im Lästrygonenland zusammenschließt.

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