Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 61
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Im Vordergrund erblickt man noch einen der Riesen, der einen Stein-
brocken hochstemmt, um ihn auf einen rücklings hinstrauchelnden
Griechen hinabzuschmettern.

Nach rechts wird die Landschaft jenseits eines Kanales milder und
lichter. Rundgeschwungene, nicht so drohend zerklüftete und hoch auf-
ragende Felskulissen schieben sich von der Bugseite her ins Meer. Im
Vordergrund rechts sieht man eine hoheitsvolle Gruppe dreier Ortsgöt-
tinnen, die auf das Geschehen des folgenden Bildes vorausweisen.

Die räumliche Wirkung dieses Bildes kommt durch eine Kombina-
tion mehrerer Kunstmittel zustande. Die Weite der von einem hohen
Standpunkt aus gesehehen Landschaft, der die Figuren untergeordnet
sind, wird fast greifbar anschaulich durch die diagonal angelegten Land-
schaftsöffnungen. Im Vordergrund links ist der Ausblick durch den dun-
kel beschatteten Felsen verschlossen. Im Hintergrund rechts steigen die
hellbeschienenen Bergformationen der Insel Aiaia auf und verstellen
hier den Horizont. Der Kanal, der die Insel der Kirke vom Land der Lä-
strygonen trennt, ist von links oben, das heißt hinten, nach rechts unten,
das heißt vorn, angeordnet. In ähnlicher Weise gehen in allen Bildern die
Felsenmassen oder die mit ihnen abwechselnden offenen Räume diago-
nal durch die Bildfläche. Hat man sich das System an einem Bilde klar-
gemacht, dann findet man es in allen anderen höchst phantasievoll ab-
gewandelt und im einzelnen variabel ausgestaltet wieder.

Außer vielleicht im folgenden Bild, das die Mitte des ganzen Zyklus
bildete, was man an den auf beiden Seiten in den Prospekt hineinragen-
den dunklen Pfeilern der illusionistisch evozierten Außenwand des Saa-
les erkennen kann.

Bei diesem Durchblick schiebt sich von rechts wie eine Theaterkulisse
eine Palastfassade bildparallel in den Landschaftsraum hinein. Das
rechte Drittel der Säulenexedra mit ihren Flügelbauten wird von den
Wandpfeilern verdeckt. Hier wird der Raum zu einem bühnenartigen
Innenraum, in dem sich in zwei kontinuierend erzählten Szenen das Zu-
sammentreffen des Odysseus mit der Zauberin Kirke vollzieht63. Sie hatte
ihm die Gefährten, die er als Kundschafter vorausschickte, in Schweine
verwandelt. Als er davon erfuhr, brach er auf zu sehen, wie er die Hexe
, bezwingen könne. Auf dem Weg begegnet ihm Hermes in Gestalt eines
jungen Mannes, gibt ihm die Pflanze Moly als Gegengift und rät ihm, die
Zauberin mit dem Schwert zu bedrohen und durch einen heiligen Eid zu
binden, ihm nichts Böses anzutun und die Gefährten zu erlösen.

Der Maler hat das Zusammentreffen in zwei Episoden gestaltet. Zu-
nächst die Begegnung an der Türe. Odysseus stürmt herein. Die göttli-
che Gestalt Kirkes empfängt ihn hoheitsvoll und arglistig. Furchtsam

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