Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 64
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1982/0068
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
fes Licht in das blaugrüne Dämmern des schilfbewachsenen Hades. Dar-
aus tauchen Scharen langgewandeter Schatten auf und drängen an die
Grube, in die Odysseus das Blut eines geschächteten Widders fließen
läßt. Zwei Gefährten halten das Tier an den Beinen, so daß der Kopf mit
durchschnittener Gurgel herabhängt. Odysseus, den Fuß auf den Aus-
hub der Grube gestellt, den linken Arm über den Oberschenkel gelegt,
das Schwert, mit dem er die Schatten zurückhielt, in der Rechten, lauscht
der ehrfurchtgebietenden Gestalt des gebeugten Sehers. Weißes Haar
zeugt von dessen Alter, der Stab in der Linken von seiner Blindheit.

Unter den bleichen Schatten fallen einige Frauen in gelben Gewän-
dern und drei abseits stehende Gestalten auf. Die Frauen sind Antikleia,
des Odysseus Mutter, mit der er ein schmerzliches Gespräch führt, und
eine Reihe von Heroinen, welche die Urmütter vieler Helden waren, mit
denen Odysseus vor Troja zog64. Die Männer aber sind wohl Agamem-
non, Achilleus und Aias, mit denen Odysseus die unseligen Tage ihres
Endes beschwört65. Besonders Aias bittet er, »den Zorn um der Waffen
willen zu vergessen«, die Odysseus als Kampfpreis errungen hatte, ob-
wohl sie Aias zustanden. Aias aber gab ihm keine Antwort »und ging den
anderen Seelen der Verstorbenen nach in den Erebos«. Dorthin lenkt
Odysseus nun den Blick und sieht Orion, Tityos, Tantalos und Sisyphos,

64
loading ...