Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 66
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Das ist eine Anreicherung der Odyssee mit jüngerem Mythengut,
während der Maler mit dem Jäger Orion, der Wurfholz und Schlinge,
nicht aber die in der Odyssee erwähnte eherne Keule schwingt und auch
nicht »die wilden Tiere auf der Asphodeloswiese zusammentreibt, die er
selbst auf einsamen Bergen getötet hatte«, weiter mit Sisyphos, der den
»tückisch entrollenden« Marmor den Berg hinaufschiebt, und schließ-
lich mit dem an den Boden geschmiedeten Tityos, dem ein Adler die Le-
ber aufhackt, die großen Büßer darstellte, welche die Odyssee67 hervor-
hebt. Der Maler bleibt dabei nicht sklavisch am Text. Zum Beispiel sucht
man den Totenrichter Minos und den Schatten des Herakles vergeblich,
wenn sie nicht in einer Fortsetzung der Malerei auf der Türe wiederge-
geben waren. Vor allem sind die Scharen der Toten, Zehntausende, die
mit unsäglichem Geschrei herankommen und Odysseus in bleichem
Entsetzen fliehen lassen, nicht mehr dargestellt. Hier genügt dem Maler
das im Hintergrund verschwimmende Gedränge an der Blutgrube.

Nur einer sitzt abseits weiter oben am Hang. Es ist die Seele des Ge-
fährten Elpenor, der im Rausch vom Terrassendach des Palastes der
Kirke fiel und unbestattet liegen geblieben war, so daß er nicht eintreten
konnte in das Reich der Toten. Er hatte als erster Odysseus angeredet
und um Bestattung seines Leichnams gebeten68. Um ihn zu begraben,
mußte Odysseus noch einmal nach Aiaia zurückkehren, bevor er endgül-
tig die Heimfahrt antreten konnte.

Was ihm auf diesem Teil der Heimfahrt begegnete, so wie Teiresias
und Kirke es ihm vorausgesagt hatten, läßt der Dichter Odysseus im
zwölften Gesang berichten. Früher glaubte man, daß diese Abenteuer,
vor allem die Sirenen, Skylla und Charybdis, in den Odyssee-Fresken
vom Esquilin nicht dargestellt waren. Doch dann fand man in einer römi-
schen Privatsammlung ein Freskenfragment, das nach Größe, Form und
Maltechnik eindeutig zu den Odyssee-Fresken gehören mußte69. Man
erkennt noch das Schiff des Odysseus, das mit gerafften Segeln am Si-
renenfelsen vorbeifährt. Odysseus hatte seinen Gefährten die Ohren mit
Bienenwachs verstopft, damit sie den sehnsüchtigen Gesängen der Vo-
gelfrauen nicht erlägen. Er selbst aber wollte sie hören, doch um ihnen
nicht nachgeben zu können, ließ er sich an den Mastbaum des Schiffes
binden. Die Sirenen sind hier menschlich als schöngewandete Mädchen
und nicht als Vögel gebildet. Die Landschaft ist ähnlich wie im vierten
Lästrygonenbild gestaltet, so daß man nach der Analogie dieses Bildes
auch bei dem Fragment erwarten darf, daß am rechten Rande wieder
Land dargestellt war.

Hier, am rechten, verlorenen, Rand des letzten Bildes dieser Wand,
deren Länge sich durch verschiedene Kombinationen bestimmen läßt,

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