Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 72
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das so bestoßen ist, daß man nicht leicht darin den Oberkörper eines
Mannes erkennen kann, dessen Kopf auf der einen Seite über den riesi-
gen Schenkel herabhängt. Sein Brustkorb ist offen, und die Gedärme
quellen heraus. Der kannibalische Riese hat den Mann schon zur Hälfte
gefressen. In ähnlicher Weise liegt in der Darstellung eines Mosaiks aus
der spätrömischen Villa von Piazza Armerina75 auf Sizilien ein Widder
mit aufgerissenem Bauch über dem Schenkel des Riesen.

Der Kopf des Riesen ist so verrieben, daß er als letzter identifiziert
wurde. Außerdem gab es noch Fragmente eines Pfahles, die von nervi-
gen Männerhänden umklammert wurden.

Zunächst war nicht klar, ob man es mit einer einzigen oder mit zwei
Gruppen zu tun hatte. Die Tatsache, daß sowohl die Weinreichung als
auch das Hantieren mit dem Pfahl dargestellt waren, sprach für die letz-
tere Hypothese. Man mußte dann jedoch annehmen, daß nur ein kleiner
Bruchteil der ursprünglichen Gruppenkomposition erhalten war, was
zwar im Bereich des Möglichen lag, aber einen erheblichen Unsicher-
heitsfaktor darstellte.

Da gelang eine entscheidende Entdeckung. Außer den Köpfen von
zwei am Boden liegenden Gefährten des Odysseus, die der Riese offen-
bar an die Höhlenwand geschmettert hatte, gab es noch einen dritten
Kopf, der an der Rückseite einen Ansatz aufweist, also ebenfalls zu einer
am Boden liegenden Figur zu gehören schien. Mit drei am Boden hinge-
streckten Griechen aber ließ sich schlechterdings eine überzeugende
Komposition nicht ausmachen. Die erwähnte Entdeckung brachte eine
befreiende Lösung: Der dritte Kopf ließ sich Bruch auf Bruch an den
Oberkörper des über dem Riesenschenkel hängenden Gefährten an-
passen. Der Kopf gehörte also nicht zu einem dritten am Boden hinge-
streckten Gefährten, sondern der Ansatz am Hinterkopf ließ sich mit
einem entsprechenden Ansatz am Unterschenkel des Riesen, an dem er
seitlich herabhängt, verbinden.

Das machte den Weg zu einem Rekonstruktionsversuch frei, bei dem
alle Stücke in einer einzigen Gruppe sinnvoll unterzubringen waren:
Von links schleppt ein Gefährte des Odysseus den prallen Weinschlauch
heran. Er hat soeben einen Becher mit Wein gefüllt, den ein zweiter Ge-
fährte mit ausgestreckten Armen ihm hingehalten hat. Dieser will ihn
nun, im Schwung um die eigene Achse, Odysseus weiterreichen. Die
beiden Gefährten bilden mit Odysseus eine Kette. Sie können ständig
für Nachschub an Wein für den unmäßigen Durst Polyphems sorgen. Zu
Füßen des Riesen liegen die beiden hingeschmetterten Gefährten.

Weiter rechts, gleichsam im Rücken des Riesen, aber bereiten die
Griechen Rache und Rettung vor. Erhalten ist der Torso eines Mannes,

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