Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 74
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den Bildhauer und Archäologen H. Schroeteler und unter der techni-
schen Hilfe von F. Hueber in einem Saal des Museums auf einer Basis
wieder aufstellen lassen, welche in den Maßen genau einem sichelförmi-
gen Postament an der halbkreisförmigen Rückwand des Domitians-
Brunnens entspricht. Sichelförmig ist dieses 3 m hohe Postament, auf
dem die Polyphem-Gruppe als Brunnenschmuck aufgestellt war, weil in
der Mitte vor dem sitzenden Riesen noch die beiden liegenden Gefähr-
ten des Odysseus untergebracht werden mußten. Das Postament in
Form einer einfachen Steinbank ist dementsprechend in der Mitte
1,30 m tief, während es sich an den beiden Enden des Halbkreises bis auf
70 cm verschmälert. Es ist also ganz klar, daß man den Domitians-Brun-
nen, der nach der mitgefundenen Inschrift78 aus dem Jahre 93 n. Chr.
stammt, in der Absicht, hier die Polyphem-Gruppe aufzustellen, in die-
ser Form errichtet hat. Das Postament ist in einem Zuge mit der ganzen
Brunnenanlage aufgemauert worden. Diese wurde aus Gründen einer
ausgewogenen Platzanlage als dritte Dominante an dem unterhalb des
riesigen Domitians-Temp'els vor der Stützmauer des Staatsmarktes lie-
genden Platz notwendig, an dessen Eingang von der Stadt her schon das
hohe Denkmal für den Consul suffectus des Jahres 34 v. Chr., C. Mem-
mius, einen markanten Blickpunkt bildete79.

Die Aufstellung der Polyphem-Gruppe von Ephesos in der Form, in
der sie nun im Museum von Selcuk rekonstruiert ist, erfolgte im Jahre
93 n. Chr. Das ist durch eine Inschrift gesichert. Doch hier beginnen ei-
gentlich erst die Schwierigkeiten. Denn nach ihrem Stil gehören die Fi-
guren nicht in diese Zeit. Sie dienten im Domitians-Nymphäum als
Brunnenfiguren. Man hatte an ihnen Bleirohre angebracht, aus denen
Wasser in verschiedene Richtungen in das halbrunde Becken spritzte,
wo in der Mittelachse eine Säule mit einer Springfontäne stand.

Es mag einem heutigen Betrachter merkwürdig erscheinen, daß man
das heroische Thema als Brunnenschmuck verwendete. Doch scheint
das in der römischen Kaiserzeit nicht ungewöhnlich gewesen zu sein.

Die als Anthologia Palatina bekannte Gedichtsammlung überliefert
die folgenden Verse80 des dichtenden Rechenkünstlers Metrodor:
»Ehern hier steht Polyphem, der Kyklop. O sieh nur, wie kunstvoll

einer das Auge, den Mund und seine Hand ihm geformt
und mit Fontänen versehn. Er gleicht einem rechten Beriesler,

ja, aus dem Munde sogar flutet ein Strahl ihm hervor.
Doch die Fontänen sind alle voll kluger Berechnung: der Handquell

füllt mit dem Sprudel in drei Tagen das Becken erst voll,
der im Auge braucht einen, der Mundquell zwei Fünftel vom Tage.

Sagt, wann füllen die drei alle zusammen es voll?«

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