Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 75
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Auch wenn es dem Verseschmied in erster Linie auf das rechnerisch
zu lösende Rätsel ankam, so kann doch kein Zweifel sein, daß ihn dazu
die bronzene Brunnenfigur eines Polyphem inspirierte, die er irgendwo
gesehen haben muß. Vielleicht handelte es sich nicht um den Polyphem
einer Weinreichungs- oder Blendungsgruppe, sondern um Polyphem als
den verschmähten Liebhaber Galatheas, aber er war auf jeden Fall als
einäugiger Kyklop dargestellt, dem das Wasser aus Auge, Mund und
Hand quoll.

Ein Geschmacksurteil ist hier nicht gefragt. Man muß allerdings fest-
stellen, daß die Skulpturen von Ephesos nicht ursprünglich als Brunnen-
figuren geschaffen waren, sondern erst nachträglich durch die ziemlich
rohe Anbringung der Bleirohre zu solchen degradiert wurden.

Wenn die Skulpturen von Ephesos auch nicht gerade von überragen-
der Qualität sind, so hätten doch niemals die Bildhauer, die sie gearbei-
tet haben, in so brutaler Weise, wie es hier zu beobachten ist, eine Ver-
tiefung in die Schulter des Odysseus gehackt, um das mit Eisenkrampen
am Rücken hochgeleitete Bleirohr in den Becher zu führen, aus dem das
Wasser dann überquoll. Sie hätten nicht die Plinthe des mit herabhän-
gendem Kopf am Boden liegenden Gefährten durchbohrt und eine
Rinne zwischen seinen Beinen herausgeschlagen, um das Wasserrohr
hindurchzuführen. Auch in den prallen Tierbalg, der als Weinschlauch
dient, hätten sie so nicht eine Rille gemeißelt, um ein Bleirohr darin zu
vertiefen. Da hätte es dem Werte der Bildhauerarbeit besser entspre-
chende Methoden gegeben.

Es kommt aber noch etwas Entscheidendes hinzu. Im Stil sind die Fi-
guren den um 34 v. Chr. zu datierenden Reliefs vom Memmius-Denk-
mal in Ephesos81 so nahe verwandt, daß man ihre Entstehungszeit nur in
die Zeit von 40-30 v. Chr. ansetzen kann. Sie sind demnach rund 130
Jahre älter als das Domitians-Nymphäum und nicht für dieses geschaf-
fen. Vielmehr ist umgekehrt das Nymphäum für die Aufnahme der älte-
ren Statuen in der beschriebenen Weise mit einem Postament auf sichel-
förmigem Grundriß ausgestattet worden.

Daß die Skulpturen ursprünglich für eine ganz andere Aufstellung
geplant waren, geht auch aus folgenden Beobachtungen hervor: Um die
Figur des längelang hingeschmetterten Gefährten vor das ausgestreckte
rechte Bein des Polyphem und vor die Füße des Odysseus legen zu kön-
nen, mußte man ein Stück aus der rechten Schulter des Mannes heraus-
schlagen und von der Plinthe, die sonst mit der Plinthe der Odys-
seus-Statue in Konflikt gekommen wäre, ein ganzes Stück segmentför-
mig abmeißeln. Man bediente sich dazu eines Instrumentes, dessen Be-
arbeitungsspuren sich auch bei der Rinne für das Bleirohr zwischen den

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