Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 76
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Beinen dieses Gefährten finden. Das bedeutet, daß die Umarbeitung zu
Brunnenfiguren und die Aufstellung im Domitians-Nymphäum gleich-
zeitig erfolgt sein müssen, und das wiederum besagt, daß die Figuren zu-
nächst keine Brunnenfiguren waren und daß die am Boden liegenden
Gefährten in der ersten Aufstellung nicht vor den Füßen des Riesen ge-
legen haben können. Denn wenn man die ursprüngliche Form der
Plinthe des ausgestreckt Liegenden ergänzt, dann muß man ihn, um
nicht mit der Plinthe der Odysseus-Figur in Konflikt zu kommen, so weit
von den anderen Figuren abrücken, daß von einer Geschlossenheit der
Komposition nicht mehr die Rede sein kann. Er liegt dann so vor den an-
deren, als ob er nicht dazugehörte.

Sucht man nun einen Platz für diese und die entsprechende Figur, die
beide integrierender Teil des Ganzen sind, so bleibt nur eine Stelle je-
weils am rechten und am linken Ende der Figurenkette.

Legt man die beiden Figuren versuchsweise dorthin, dann verstärkt
sich der Eindruck einer pyramidal zum Mittelpunkt anwachsenden
Gruppenkomposition mit einem Male so sehr, daß nur ein einziger
Schluß übrigbleibt: Wir haben es zumindest mit einer giebelförmigen
Komposition, möglicherweise sogar mit einer Giebelgruppe zu tun.

Die Hypothese, daß die Polyphem-Gruppe ursprünglich als Giebel-
komposition geplant war und 130 Jahre später als Brunnengruppe wie-
derverwendet wurde, stieß in der archäologischen Wissenschaft auf so
einhellige Ablehnung, daß der Verfasser sich gezwungen sah, eine Re-
konstruktion im Maßstab 1:1 zu versuchen, um die künstlerischen Ge-
setzmäßigkeiten herauszufinden, die bei der Schaffung der Skulpturen-
gruppe beachtet worden waren. Hierbei kamen ihm die Erfahrungen zu-
gute, die er bei dem Rekonstruktionsversuch anderer fragmentierter
Skulpturengruppen und insbesondere der Polyphem-Gruppe von Sper-
longa gesammelt hatte.

Bei diesen Versuchen war schon klargeworden, was selbst ein Künst-
ler vom Rang Michelangelos bei seinem Versuch der Rekonstruktion
der Laokoon-Gruppe hatte erfahren müssen, nämlich, daß die Wieder-
herstellung eines beschädigten Kunstwerkes einer früheren Epoche un-
möglich ist. Man kann durch einen Rekonstruktionsversuch nur die Ge-
danken herauszufinden versuchen, welche die Künstler bei der Schöp-
fung ihrer Werke bewegt haben. Nicht die vollendete Rekonstruktion ist
das Ziel der Bemühungen, sondern der Vorgang der Rekonstruktion
selbst, die Bemühung um die Ergänzung des Fragmentarischen, die erst
zu den richtigen Fragestellungen und Beobachtungen führt, das Umge-
hen mit dem Material nicht nur am Schreibtisch, sondern im Atelier.
Nicht ein zweidimensionaler Rekonstruktionsversuch auf dem Papier,

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