Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 77
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das geduldig ist, sondern das Zusammenpassen der Teile im dreidimen-
sionalen Raum, wo jeder Fehler unerbittlich weitere nach sich zieht,
führt zu einer Evidenz, der man sich nicht mehr so leicht entziehen kann.

So wurden denn die Statuen und alle Fragmente in Ephesos nach dem
aus Anlaß der Arbeiten in Sperlonga entwickelten Verfahren mit glasfa-
serverstärktem Kautschuk abgeformt und die Formen im Atelier, das die
Bergbauindustrie in Bochum großzügigerweise zur Verfügung gestellt
hatte, ausgeformt, so daß leichte und unzerbrechliche, maßgleiche Wie-
derholungen der schweren und verletzbaren Skulpturen zur Verfügung
standen, mit denen man alle möglichen Stellungen ausprobieren konnte.
Diese Duplikate durfte man gegebenenfalls auch zu vollständigen Figu-
ren ergänzen, wenn dadurch der Gedankengang klarer darzustellen war,
wenn dadurch die Motive in der Gesamtkomposition deutlicher wurden.

Es ist das Verdienst eines ungewöhnlichen Mannes, daß dies in endlo-
sen, zermürbenden Versuchen bis zu einem hohen Grade an Wahr-
scheinlichkeit gelungen ist, nämlich des Bildhauers Heinrich Schroete-
ler. Mit Odysseus hat er gemeinsam, daß er auch in verzweifelter Lage
nicht aufgibt. Als U-Boot-Kapitän im letzten Weltkrieg hat er die
Schrecken des Meeres kennengelernt und doch seine Mannschaft immer
heil in den Hafen zurückgebracht. In englischer Gefangenschaft lernte er
die Bildhauerei, und als in seiner Heimatstadt die Ruhr-Universität be-
gründet wurde, promovierte er nach einem regulären Studium in Kunst-
geschichte und Archäologie. Nun besaß er die doppelte Qualifikation,
welche für die ungewöhnliche Aufgabe, die sich hier stellte, notwendig
war. Ohne ihn hätte das, worüber in diesem Buch berichtet wird, nicht
Gestalt gewinnen können.

Nachdem alle Fragmente abgeformt und die beiden Figuren, deren
Größe sonst nicht kenntlich gewesen wäre, nämlich Polyphem und der
pfahlanspitzende Gefährte, wenigstens im Umriß ergänzt waren, wurde
in einer aufgelassenen Maschinenhalle der Zeche Lothringen eine Bühne
aufgeschlagen, auf der man die Figuren nach dem Bewegungsablauf ih-
rer Handlungen gruppieren konnte. Ein großer Spielraum ist dabei nicht
gegeben, denn besonders die Gruppe der Gefährten, die den Pfahl an-
spitzen, kann weder weiter auseinandergezogen noch enger zusammen-
gedrängt werden, als es die Länge der Arme der Männer erlauben, die ja
an den Pfahl herankommen müssen, um ihn zu halten und mit Schwert-
hieben anzuspitzen. Da die Kette der drei den Wein heranbringenden
Figuren auf der anderen Seite in ihrer Ausdehnung den drei Figuren auf
der rechten Seite weitgehend entsprechen muß, kann es auch hier ei-
gentlich nur um wenige Zentimeter gehen, um die man die Figuren bei
einer optimalen Aufstellung nach rechts oder links verschieben kann.

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