Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 80
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Um aber nicht das Ergebnis durch die eigene vorgeformte Meinung
zu präjudizieren und das zu beeinflussen, was erst herauszufinden war,
hat der Verfasser sich selbst auf die Bühne gestellt, wo er die richtige
Stellung der Figuren nicht mit dem notwendigen Abstand kontrollieren
konnte, und hat einige Kollegen gebeten, ihm die Stellung, die man den
einzelnen Figuren im Zusammenhang des Ganzen am besten geben soll-
te, durch Handzeichen anzuzeigen.

So kam ein erster Rekonstruktionsversuch zustande, bei dem sich der
giebelförmige Umriß der ganzen Gruppe schon sehr deutlich abzeichne-
te. Eine Schnur, die in Form des Giebeldreiecks über die Figuren ge-
spannt wurde, ergab, daß ein Giebel, in dem diese Figuren hätten aufge-
stellt werden können, eine lichte Weite von 12,50 m und einen Stei-
gungswinkel von 22° haben müßte. Das sind genau die Maße eines ge-
wöhnlichen römischen Tempels von 50 Fuß Frontbreite aus der zweiten
Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr., wie er in der Maison Carree in Nimes
noch heute aufrecht steht82. Das war eine merkwürdige Feststellung,
denn Ephesos liegt im griechischen Kulturbereich, wo die Tempelgiebel
nicht so steil gebildet werden, daß sie die Fassade dominieren, sondern
wo sie eine Steigung von 15°—18° gewöhnlich nicht überschreiten83.

Aber vielleicht war es überhaupt noch verfrüht, von einem Giebel zu
sprechen. Zu viele Fragen waren ungelöst. Gab es überhaupt die Mög-
lichkeit, sich den Polyphem-Mythos als Thema eines Tempelgiebels vor-
zustellen? Welcher Gottheit hätte ein Tempel mit diesem Giebel-
schmuck geweiht sein können? Wo in Ephesos sollte ein so ansehnlicher
Tempel gelegen haben, dessen Giebel mit dieser Giebelgruppe hätte ge-
schmückt sein können? Wieso waren die Giebelfiguren, wenn es je sol-
che waren, nicht im Giebeldreieck geblieben, sondern schon 130 Jahre
nach ihrer Anfertigung in einem kaiserzeitlichen Nymphäum als Brun-
nenfiguren wiederverwendet worden? Schließlich weisen die Figuren,
von denen immerhin die Hälfte mit ihren Plinthen erhalten sind, nicht
die mindesten Klammerspuren zur Befestigung im Giebelboden auf.
Und dann hängt der Kopf des einen, am Boden liegenden Gefährten so
über die Plinthe herab, daß er in einem Giebel von unten, wenn man nah
an den Tempel herantrat, nicht mehr sichtbar war. Das gleiche gilt von
dem Schwänzchen des Tierbalges, der als Weinschlauch dient. Also Fra-
gen über Fragen - und andere Probleme, welche die Giebeltheorie gera-
dezu auszuschließen schienen.

Es leuchtet ein, daß die Möglichkeit, die Figuren hätten ein Giebel-
dreieck geschmückt, ausscheiden muß, wenn auch nur eine einzige von
ihnen über den angenommenen Giebelrahmen hinausragt. In dieser Be-
ziehung gab es bei den fragmentierten Figuren zwei Merkwürdigkeiten.

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