Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 84
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des Pfahles. In den Ecken liegen die an die Höhlenwand geworfenen
Griechen. Die Bewegungsabläufe sind ohne erkennbaren Zwang auf die
extreme Raumform eines Giebeldreiecks abgestimmt.

Im Entwurf dieser Komposition, in der Anpassung einer, zumindest
in Teilen, wie noch zu zeigen ist, anderweitig schon vorgeformten My-
thenszene an die extremen Bedingungen eines Dreieckfeldes, das an der
höchsten Stelle nur ein Viertel so hoch wie lang ist, liegt die eigentliche
Leistung des Schöpfers dieser Skulpturen, deren Bildhauerarbeit nicht
gerade hervorragend ist. Aber in der einzigartigen Gruppe der drei Ge-
fährten mit dem Pfahl, der die Kette der drei den Wein heranschaffen-
den Figuren glücklich entspricht, hat der Meister des Giebels von Ephe-
sos der späthellenistischen Kunst ein neues Blatt hinzugefügt. Auch die
Gruppe der drei Männer links, von denen der erste sich leicht vorbeugt,
der zweite um seine Achse wirbelt, der dritte, nämlich Odysseus, einen
so vorsichtigen Stand einnimmt, daß er bei jeder falschen Bewegung des
Riesen zurückweichen könnte, zeigt ein solches Spektrum an Bewe-
gungsmöglichkeiten, daß man der Komposition seine Bewunderung
nicht versagen kann trotz der zum Teil flauen und schematischen Ausar-
beitung der eigentümlich überlängten, knochenlosen Figuren, die in ih-
rer insektenhaften Beweglichkeit an die etwa gleichzeitig gemalten Figu-
ren der esquilinischen Odyssee-Fresken erinnern.

Kann man nach allem kaum noch bezweifeln, daß die Polyphem-
Gruppe von Ephesos ursprünglich einen Tempel mit italischer Giebel-
höhe von der Größe der Maison Carree in Nimes schmücken sollte, so
erhebt sich die Frage, ob man einen solchen Tempel aus der Zeit etwa
zwischen 40 und 30 v. Chr. in Ephesos kennt oder nennen kann, mit dem
man die Giebelfiguren verbinden könnte. Es war einer der Beteiligten an
der Ausgrabung eines Tempelfundamentes auf dem Staatsmarkt von
Ephesos84, nämlich Stefan Karwiese, der zuerst auf die Möglichkeit
aufmerksam machte, daß von der Größe und der Erbauungszeit her ei-
gentlich nur dieser Tempel als einziger von den bisher bekannten in
Ephesos für eine solche Zuweisung in Frage komme. Aber die Datierung
und Benennung dieses Tempels sind noch umstritten. W. Alzinger, der
Leiter der Ausgrabung dieses Tempelfundamentes, das in dominieren-
der Stellung mitten auf dem Staatsmarkt liegt, hatte aufgrund der Funde
einiger ägyptisierender Kleinplastiken und des Bronzeglöckchens eines
ägyptischen Kultgerätes, eines sogenannten Sistrums, eine Benennung
als Isis-Tmpel erwogen.

Die Baugrubenkeramik hatte eine Datierung in die Zeit nach der
Mitte des ersten Jahrhunderts v. Chr. ergeben. Außerdem war nicht weit
vom Tempel ein überlebensgroßer Porträtkopf gefunden worden, den,

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