Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 86
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als neuer Dionysos feiern lassen. Besonders von seinem Einzug in Ephe-
sos in einem dionysischen Taumel ist bei Plutarch eine eindrucksvolle
Schilderung überliefert. In einem Tempel des Dionysos, der in Ägypten
als Osiris verehrt wurde87, könnten sich auch ägyptische Devotionalien
finden, wenn die im Schutt über dem Tempelfundament gefundenen
ägyptischen Kleinplastiken und der Überrest des Sistrums tatsächlich
zum Inventar des Tempels gehören sollten.

Bei neuesten Studien88 hat sich jedoch die Wahrscheinlichkeit erge-
ben, daß der Tempel auf dem Staatsmarkt in Ephesos in Wahrheit dem
Kaiser Augustus geweiht wurde. Dieser hatte schon 29 v. Chr., als er
noch nicht den Ehrennamen Augustus trug, sondern sich Octavian nann-
te, die Errichtung von Heiligtümern für die Dea Roma, für seinen ver-
göttlichten Adoptivvater Gaius Julius Caesar und für sich selbst erlaubt.
Im Jahre 27 v. Chr. scheint seine Statue im Tempel aufgestellt worden zu
sein.

Hier liegt nun allerdings ein Stein des Anstoßes. Der Tempel auf dem
Staatsmarkt in Ephesos ist viel zu groß, als daß er in der kurzen Zeit zwi-
schen 29 und 27 v. Chr. erbaut worden sein könnte. Für einen Tempel
von dieser Größenordnung muß man mit einer etwa zehnjährigen Bau-
zeit rechnen89. Wenn der Tempel 27 v. Chr. fertig war, so daß man dar-
innen eine Statue aufstellen konnte, dann muß er spätestens in den frü-
hen 30er Jahren in Auftrag gegeben worden sein. In diesem Fall kommt
nur Marcus Antonius als derjenige in Frage, der den Tempel entweder
selbst in Auftrag gegeben hat oder zu dessen Ehren er in Auftrag gege-
ben wurde. Denn kein anderer als der Beherrscher des östlichen Reichs-
teiles hätte es wagen können, mitten auf der Agora von Ephesos einen
Tempel zu erbauen. Den griechischen Bewohnern der Stadt lag die Vor-
stellung fern, den als Treffpunkt der Bürger dienenden Platz durch einen
axial angeordneten Tempel zuzustellen. Solche die Fora beherrschenden
Tempel waren eine italisch-römische Tradition. Der Tempel muß also
mit der Römerherrschaft in Kleinasien zusammenhängen, die in der
fraglichen Zeit vor Augustus von Marc Anton ausgeübt wurde. Hängt
der Tempelbau also mit Marc Anton zusammen, dann kann nur geplant
gewesen sein, ihn dem Dionysos zu weihen, der in Marc Anton verkör-
pert war.

Doch Marc Anton wurde schon 31 v. Chr. in der Schlacht von Actium
durch die Flotte Octavians vernichtend geschlagen. Er flüchtete, Kleo-
patra folgend, nach Ägypten und gab sich im Jahre 30 v. Chr. dort selbst
den Tod.

Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß der frühestens 41 v. Chr.
in Auftrag gegebene Tempelbau damals, das heißt 10 Jahre später, zwar

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