Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 92
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S. 91 DIE gleiche Typologie der Weinreichung an den Riesen Polyphem,

^Mosaik™ wie ^er Entwerfer des Giebels von Ephesos sie verwendet, findet sich,
im Goldenen wie schon erähnt, in einer ganzen Reihe von Darstellungen, die von der
Kaisen New monumentalen Form überlebensgroßer Rundplastiken aus Marmor
über Statuetten, Kleinbronzen, Marmorreliefs, Bildmedaillons von Ter-
rakottalampen und sogar Kuchenformen bis zu Darstellungen in der
Flächenkunst des Mosaiks reichen100.

Von diesen ist ein Glasmosaik101 im Goldenen Haus des Kaisers
Nero in Rom aus der Zeit zwischen 64 und 68 n. Chr. besonders interes-
sant. Steigt man heute aus dem Großstadtlärm in die Fundamente der
Thermen des Kaisers Trajan auf dem Colle Oppio hinab, die 104 n. Chr.
über dem zugeschütteten Nero-Palast errichtet wurden, dann umfängt
einen Stille, Kühle und Moderduft. Die Wände des einst prächtigsten
Baus der Stadt Rom sind mit abblätternden Fresken bedeckt. In einem
großen überwölbten Saal, der einst mit Wasserspielen ausgestattet
war, begreift man, warum Nero diesen Villenbau, den er, nach dem
Brande Roms, im Herzen der Großstadt errichten konnte, »Goldenes
Haus« genannt hat. Denn das ganze Gewölbe ist mit vergoldetem Bims-
steinstuck ausgeschlagen, und in der Mitte des Gewölbes funkelt ein
achteckiges Glasmosaik, das älteste erhaltene Gewölbemosaik der
Kunstgeschichte.

Beim Anblick dieses erstaunlichen Deckenschmucks wird man sich
erst allmählich einer eigenartigen Irritation bewußt. Man erkennt trotz
einiger Lücken in der Darstellung den sitzenden Riesen Polyphem, der
die rechte Hand nach dem von Odysseus gereichten Becher ausstreckt.
Nur diese beiden Figuren, deren Motiv der Mittelgruppe des Giebels von
Ephesos verwandt ist, sind erhalten. Vielleicht waren ursprünglich noch
mehr Figuren vorhanden. Aber das ist es nicht, was einen stutzen läßt,
sondern der eigenartige Bronzeton, in dem nicht nur das Inkarnat der
Figuren, sondern auch die gewandeten Teile gegeben sind. Diese metal-
lisch schimmernde Farbe mit den Glanzlichtern auf den scheinbar erha-
benen Teilen kann nur Bronze meinen. In anderen Mosaiken sind My-
thenszenen und darunter auch die Polyphem-Episode mit den bunten
Farben des Lebens geschildert, wie ein berühmtes Mosaik102 in der spät-
antiken Villa bei Piazza Armerina in Sizilien zeigt. Nur hier im Goldenen
Haus ist das Mosaik nicht aus bunten, verschiedenfarbigen Steinchen in
lebendigen und realistischen Farben zusammengesetzt, sondern zeigt
den typischen dunklen Ton patinierter Bronze, wie man ihn an gut erhal-
tenen antiken Bronzeplastiken sieht. Es ist klar, daß hier nicht unmittel-
bar eine Mythenszene, sondern eine offenbar berühmte ältere Bronze-
gruppe wiedergegeben, man möchte sagen, zitiert wird. Denn welcher

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