Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 93
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Die Talsache, daß die Figuren dieses Gewölbe- Die Dreiäugigkeit des Riesen im

mosaiks im Goldenen Hause Kaiser Neros in Rom Mosaik von Piazza Armerina ist

nicht in den üblichen bunten Farben mosaizierter eine spätantike Inkonsequenz. Der

Mythenszenen, sondern in Bronzeton mit Glanz- ikonographische Typus läßt die

lichtem gegeben sind, läßt auf die Existenz einer bis in den Hellenismus zurückzu-

berühmten hellenistischen Bronzegruppe schließen, verfolgende Tradition einer be-

die hier zitiert und in Buiae in Marmor kopiert wurde. deutenden Bildschöpfung erkennen.

Mosaizist kommt darauf, seine Fähigkeit zu verleugnen, bunte Bilder in
Farbpunkte umzusetzen, wenn ihm nicht der Auftrag erteilt war, ein
ganz bestimmtes bronzenes Bildwerk im Deckenmosaik dieses Saales zu
kopieren?

Dieses Mosaik weist also auf die Existenz einer bronzenen Poly-
phem-Gruppe hin, die wohl auch dem Schicksal fast aller antiker Bron-
zewerke nicht entgangen ist, nämlich eingeschmolzen zu werden. Für das
Verständnis der Ikonographie dieser immer wieder nachgeahmten
Gruppenschöpfung ist der Hinweis, den das Mosaik mit seinen Bronze-
farben gibt, von entscheidender Wichtigkeit. Er besagt, daß man das Ur-
bild der weit verbreiteten Filiation dieser Mythenversion in einer be-
rühmten Bronzegruppe hellenistischer Zeit suchen muß. Diese gab die
Anregung zu den vielen Bildern des gleichen Themas in der römischen
Kunst, sie scheint auch den Giebelmeister von Ephesos inspiriert zu ha-
ben, und vor allem scheint sie das Vorbild für eine bedeutende plastische
Gruppe aus Marmor abgegeben zu haben, von der Teile im Frühjahr
1969 in eingm 7 m unter den Meeresspiegel abgesunkenen römischen
Bau im Golf von Baia westlich von Neapel gefunden wurden103.

Noch bevor die Unterwasserarchäologie durch den Fund der Bron-
zestatuen von Riace104 eine unerwartete Popularität erhielt, hatten Tau-
cher, die von Nino Lamboglia, dem Begründer der wissenschaftlichen
Unterwasserarchäologie, ausgebildet waren, in den unterseeischen
Trümmern der antiken Stadt Baiae Statuenreste ausgemacht105.

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