Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 96
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Leider ist der ganze Kopf des Odysseus, der offenbar nie ständig mit
Sand und Schutt vom Einsturz des Bauwerks bedeckt war, sondern im-
mer wieder vom Meer freigespült wurde, von Kalk fressenden Muscheln,
sogenannten Lithodomen oder Bohrmuscheln, abgenagt worden. Der
Weinschlauchträger, der einen Kopf kleiner ist als der ohne Kopf schon
1,75 m messende Odysseus, war besser geschützt, aber auch bei ihm ist
das Gesicht zerfressen. Die Körpergebärde beider Figuren ist aber deut-
lich erkennbar. Odysseus, der den mit Weinblättern verzierten großen
Becher hält, lehnt den Oberkörper ein wenig zurück, als ob er sich dem
Riesen nicht allzu bedenkenlos nähern wolle. Mit federndem Schritt
steht er auf dem leicht ansteigenden Gelände, so daß er bei einer fal-
schen Bewegung des Riesen sofort zurückspringen könnte. In seiner
Bewegung ist ebensoviel Annäherung an den Riesen wie Zurückhaltung
ausgedrückt. Alle Sehnen der kräftigen Beine sind gespannt. Die
prachtvoll ausgearbeiteten Hände strecken den Becher vorsichtig,
gleichsam prüfend in die Richtung des Riesen.

Der Gefährte, der über seinem aufgestützten linken Oberschenkel
einen Weinschlauch hält und mit der linken Hand im weichen, von der
Flüssigkeit nicht prall gefüllten Leder des Tierbalges versinkt, während
die abgebrochene Rechte wohl die Öffnung umschloß, wirft den Kopf
erschreckt nach oben, um die Bewegungen des Riesen zu verfolgen. Sein
Motiv mit dem weit zurückgesetzten rechten Bein und dem wie bei stok-
kendem Atem eingezogenen Leib drückt Entsetzen aus. Diese beiden
Statuen können nur zu einer Polyphem-Gruppe gehören.

Von einer Polyphem-Statue hatte man bei der Bergung der beiden
anderen Statuen mit Hilfe der italienischen Kriegsmarine im Januar
1969 aber keine Spur gefunden, es sei denn man wollte eine große zwi-
schen den beiden anderen Statuen gefundene Marmorlocke, die man
zunächst für die Spitze eines Pferdeschwanzes hielt, als eine solche Spur
ansehen. Leider ist diese Locke nicht mehr auffindbar; die von den Teil-
nehmern an der Bergung der beiden anderen Statuen bezeugte Existenz
dieser Locke war jedoch ein wichtiger Hinweis, daß zu den beiden hier
gefundenen Statuen noch die Sitzfigur eines Polyphem gehört haben
mußte. Auch wenn die Aussicht, eine solche Riesen-Figur noch an Ort
und Stelle zu finden, äußerst gering war, weil man sie, auch ohne nach ihr
zu suchen, bei der Bergung der beiden anderen Statuen hätte anschnei-
den müssen, erschien eine Unterwasserausgrabung an dieser Stelle als
unabweisbare wissenschaftliche Pflicht, um den Zusammenhang zu klä-
ren, in dem die Skulpturengruppe ursprünglich gestanden hat. Möglich
wurde diese Unterwasserausgrabung erst nach langen Vorbereitungen
im Frühjahr 1981.

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