Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 102
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angedeutete These, daß die Weinreichungs-Gruppe von Baiae eine römi-
sche Marmorkopie jener hellenistischen Bronzegruppe ist, die auch im
Mosaik des Goldenen Hauses zitiert wird. Während das Relief im
Louvre die ursprüngliche Komposition aber verhältnismäßig genau wie-
dergibt, scheint sie in Baiae im römischen Sinn zu einer achsialsymmetri-
schen Brunnengruppe umgebildet zu sein, bei der Odysseus links und
der Weinschlauchträger rechts von der Sitzfigur des Riesen standen.
Dieser ragte offenbar, wie der Kopf des Odysseus aus dem Versturz der
Apsis heraus und wurde möglicherweise zerschlagen und zu Kalk ver-
brannt.

Bei der Suche nach Resten dieser Skulptur wurde von der ersten Ni-
sche der Westwand eine weitere Statue gefunden, nämlich die auf dem
Rücken liegende Figur eines jugendlichen Dionysos. Der Gott stützt den
rechten Ellenbogen auf einen Pfeiler, über den er das Gewand geworfen
hat, und blickt nach unten, wo eine kleine weibliche Pantherkatze hockt
und mit erhobener linker Pranke zu ihrem Herrn hinaufschaut. Ein ge-
nau gleicher statuarischer Typus ist mir nicht bekannt, doch ist der Kopf
des Dionysos von Baiae demjenigen des Apollon Sauroktonos von Pra-
xiteles nah verwandt, wie überhaupt das ganze Götterbild an praxiteli-
schem Stil geschult ist116. Eine ausführliche Würdigung dieser qualität-
vollen, in eigentümlicher Stückungstechnik gearbeiteten Skulptur muß
der endgültigen Publikation nach der Restaurierung vorbehalten blei-
ben. Für den hier behandelten Zusammenhang ist aber die Tatsache, daß
im Nymphäum von Baiae neben der Weinreichungs-Gruppe eine Dio-
nysos-Statue stand, von großer Bedeutung, denn sie scheint in überra-
schender Weise die bei der Untersuchung des Polyphem-Giebels von
Ephesos aufgestellte Hypothese vom Zusammenhang zwischen dem Po-
lyphem-Mythos und dem Gott des Weines zu bestätigen, der in seinem
Geschenk an die Menschen das Mittel zur Rettung des Odysseus ge-
schaffen hatte.

Die noch nicht abgeschlossenen Unterwasserausgrabungen116a des clau-
dischen Nymphäums von Baiae haben also auf Anhieb eine unerwartete
Bestätigung für einige Hypothesen zum Polyphem-Giebel von Ephesos
erbracht. Mit dem festen Datum für die Skulpturen der Weinreichungs-
Gruppe, das die Fortsetzung der Unterwasserausgrabungen erbringen
sollten, ergeben sich aber auch Rückschlüsse auf die Skulpturen von
Sperlonga, deren Erforschung am Beginn dieser Untersuchungen stand.
Sie müssen deshalb jetzt in die Betrachtung einbezogen werden, zumal
die Kenntnis der Tiberius-Grotte von Sperlonga und ihrer Ausstattung
sich als notwendige Voraussetzung für das richtige Verständnis des Po-
lyphem-Nymphäums von Baiae erweist.

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