Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 105
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mit den ganz anders angeordneten Weingärten und Tomatenanpflan-
zungen im schmalen Raum zwischen Strand und Steilhang und auch die
andere geomorphologische Gestalt der Landschaft. Aus dem Grün der
Weinberge ragt ein gewaltiger grauer Kalkfelsenturm zu einem Drittel
der Höhe des dahinterliegenden Bergstockes auf. Ein solcher Felsen-
turm hat dem Maler der esquilinischen Odyssee-Landschaften zum
Vorbild seines Kundschafterbildes gedient.

Die Leute von Sperlonga wußten wohl, was sie taten, als sie - es war
zufälligerweise der Tag, an dem auch der Verfasser sich vom Monte Cir-
ceo bei Terracina aus aufgemacht hatte, die mit einem Schlage bekannt-
gewordenen Skulpturenfunde zum erstenmal zu sehen - sich gegen die
Staatsgewalt auflehnten und verhinderten, daß die bis dahin gefundenen
Skulpturenfragmente zur wissenschaftlichen Bearbeitung und Restau-
rierung nach Rom abtransportiert wurden117. Sie hatten in aller Eile
Gräben ausgehoben und Wälle gebaut, so daß die bereits mit Marmor-
teilen beladenen Wagen nicht abfahren konnten. Die Situation war sehr
konfus, und es war nicht möglich, ein klares Bild zu gewinnen. Aber was
man bei den grausam zerschlagenen Marmorfragmenten an plastischer
Durchbildung der Oberfläche erkennen konnte, war von eindrucksvol-
ler Arbeit und Vollendung. Hier hatten Meister den Meißel geführt und
die Muskulatur von Armen, Beinen und Rümpfen durchgebildet, Ge-
sichter mit erregten Zügen gestaltet, die Haare durcheinandergewirbelt
- Bildhauer, die den Laokoon-Meistern an Fertigkeit und Gestaltungs-
willen nicht nachstanden. Besonders ein Kopf fiel auf, bei dem wirre
Haare unter der konischen, oben abgerundeten Schifferkappe heraus-

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