Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 106
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quollen. Das mußte Odysseus sein, der in diesem von poetischen Remi-
niszenzen erfüllten Landstrich leibhaftig vor Augen kam. Das abge-
schlagene Haupt lag zwischen verstümmelten Marmorgliedmaßen, aber
der Blick der geweiteten Augen, das von atemloser Anspannung fast
aufgezehrte Gesicht erschienen so lebendig und intensiv, daß einem die
Worte in den Sinn kamen, die der Dichter118 Menelaos in den Mund
legt, als er ihn zu Telemach von dessen Vater sagen läßt:

»Denn ich habe schon mancher Gesinnung und Tugend gelernet,
Hochberühmter Helden, und bin viel Länder durchwandert;
Aber ein solcher Mann kam mir noch nimmer vor Augen,
Gleich an erhabener Seele dem leidgeübten Odysseus!«

In der Höhle war der Boden zu zwei Dritteln ausgegraben. Hier fiel
der Blick auf ein riesiges aus mehreren großen Stücken provisorisch zu-
sammengesetztes Bein. Hier traf man auch den Ausgräber Giulio Jacopi,
der durch die Zeitungsnotiz über die Inschrift mit der Signatur der Lao-
koon-Künstler in diesen Tagen das Interesse der Weltöffentlichkeit auf
Sperlonga gelenkt hatte. Der Zufall, just zu diesem Zeitpunkt in der
Nähe zu sein, erwies sich als günstig. Es waren noch keine Anstalten ge-
troffen worden, Schaulustige abzuhalten. Trotz der Verwirrung, die
durch den Aufstand der Bauern gegen den Abtransport der Marmor-
fragmente entstanden war, konnte man einige Worte mit dem angesehe-
nen Archäologen wechseln. Er machte auf die Fragmente eines zweiten
großen Beines aufmerksam, das durch eine kräftige Vierkantstütze mit
dem anderen verbunden war. So ließ sich erkennen, daß das linke Bein
der riesigen Figur gestreckt, das rechte gebeugt war. Giulio Jacopi er-
klärte seine Annahme, die Figur sei aufs rechte Knie niedergesunken mit
abgestrecktem rechtem Bein und habe sich mit über dem Haupt erhobe-
nen Händen gegen ein Untier zur Wehr gesetzt, von dem ein Schlangen-
leib und ein Löwenvorderkörper mit ausgebreiteten Pranken erhalten
waren. Es müsse sich um Laokoon handeln, der von einem oder zwei
Drachen angefallen werde.

Ich war verwirrt und versuchte, zu bedenken zu geben, daß in mytho-
logischen griechischen Skulpturengruppen wie der Laokoon-Gruppe
Menschen niemals riesig dargestellt werden, sondern in einer heroi-
schen, leicht übermenschlichen Größe von sieben Fuß, also
2,00-2,10 m. Wegen der auffälligen Behaarung auf dem Widerrist des
Fußes könne es sich aber kaum um einen Gott handeln. Ob man nicht an
die Darstellung eines Giganten oder mythischen Riesen, Antaios, Al-
kyoneus oder am ehesten Polyphem denken müsse.

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