Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 111
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ment des rechten Beines verbunden, und man erkannte sofort, daß der
Ausgräber seine schon damals geäußerte Vorstellung verwirklicht hatte.
Es sah so aus, als sei der Riese auf sein rechtes Knie niedergesunken und
wehre sich mit über dem Haupt erhobenen Händen gegen ein Untier,
das in unvorstellbarer Weise aus dem Ansatz eines dicken Schlangen-
oder Fischschwanzes hervorwachsen sollte, welcher an der Basis der
ganzen merkwürdigen Gruppe ansaß. Rund um diese phantastische Zu-
sammenfügung, die in der Mitte des sechseckigen Saales durch die ganze
Raumhöhe nach oben stieß, standen drei weitgehend erhaltene, lebhaft
bewegte Figuren, von denen allerdings nur eine noch ihren Kopf besaß.
Der Mann blickte voll abgründigen Entsetzens auf das Schauspiel,
streckte die Rechte wie abwehrend aus und ließ mit der Linken einen fal-
tigen Ledersack sinken, dessen unteres Ende abgebrochen war.

Von den beiden anderen war der eine nackt wie der schon Erwähnte
und schien mit beiden Händen einen Felsbrocken oder Balken hochzu-
stemmen, dessen abgerundetes Ende er noch in der Rechten hielt. Der
andere in allen Körperformen weicher Gebildete hatte ein Mäntelchen
über den Rücken geworfen, in das er auch den linken Arm gewunden
hatte, und in der linken Hand hielt er einen Gegenstand, der sich später
als das Heft eines zum Ziehen bereitgehaltenen Schwertes erweisen soll-
te. Vorläufig waren wir ratlos, als wir den Beischriften entnahmen, daß
diese immerhin auch über 2 m großen Männerfiguren die Kinder Lao-
koons seien, die erschrocken dem Angriff des Drachen zuschauen.

Uns wurde sofort klar, daß auch diese Anordnung nicht das Richtige
treffen konnte.

Nachdem ich mir an Ort und Stelle ein Bild zu machen versucht hatte,
wie die Bewegung der einzelnen Glieder sich sinnvoller zu einem Gan-
zen fügen könnte, und zu der Schlußfolgerung gekommen war, daß es
sich bei den Skulpturen um mehrere Gruppen aus dem Odysseus-My-
thos und bei der größten um eine Darstellung der Blendung des Riesen
Polyphem handeln müsse, diskutierte ich meine Hypothesen mit den
Kollegen und setzte mich noch am gleichen Abend hin, um einen kurzen
Aufsatz124 zu schreiben, dem ich die folgenden Zeilen entnehme:

»Versucht man, sich anhand der Fragmente den ursprünglichen Auf-
bau der Polyphem-Gruppe zu vergegenwärtigen mit dem auf einem Fel-
sensitz halb sitzenden, halb liegenden Riesen, der das linke Bein aus-
streckt, das rechte angezogen und unter den linken Oberschenkel ge-
schlagen hat und die Hände schlaff herabhängen läßt; weiter die auf fel-
sigem, ansteigendem Gelände um ihn herum aufgestellten Figuren der
Griechen und des Odysseus, die den Kyklopen trunken gemacht haben
und ihm nun die Keule ins Auge stoßen, so wird einem die erstaunliche

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