Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 117
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Zentren herzustellen, denn diese Aufgabe war bereits durch den Bau der
Autostrada del Sole von Rom nach Neapel gelöst, die die seit 312 v. Chr.
diesem Zweck dienende Via Appia entlastete, sondern es ging darum,
eine Panoramastraße zu schaffen, welche die landschaftlichen und kultu-
rellen Schönheiten des Küstengebirges zwischen Terracina und Gaeta
dem Tourismus erschloß.

Enrico Bellante war Humanist. Er hatte seinen Strabon gelesen, der
die Schönheit und Pracht der römischen Villen am Golf zwischen Terra-
cina und Formia gerühmt hatte134. Hier führte die Via Flacca entlang,
ein nur durch Saumtiere und Sänftenträger begehbarer, aber gut ausge-
bauter Weg entlang der Küstenlinie mit ihren Steilabfällen, tief ein-
schneidenden Bachschluchten und immer wieder damit abwechselnden
halbmondförmigen Sandstränden. Der moderne Straßenbaumeister,
der diesen antiken Weg durch eine neue Asphaltstraße ersetzen sollte,
hatte auch Tacitus und Sueton gelesen, die zur Erklärung einer politisch
überaus wichtigen Entscheidung des Kaisers Tiberius übereinstimmend,
aber offenbar auf verschiedenen Quellen fußend, von einem Steinschlag
in der kaiserlichen Villa von Sperlonga berichteten, bei dem Kaiser Ti-
berius im Jahre 26 n. Chr. beinahe ums Leben gekommen wäre.

Enrico Bellante folgerte mit Recht, daß etwas von der Pracht dieses
kaiserlichen Praetoriums noch erhalten sein müsse, auch wenn die Höhle
damals zum Teil eingestürzt war. Er erbat sich von der Soprintendenza
archeologica in Rom die Erlaubnis zu einer Versuchsgrabung.

Es ist höchst bedauerlich, daß Enrico Bellante niemals selbst über
seine archäologische Unternehmung geschrieben hat, sondern daß alles,
was der Wissenschaft darüber bekannt geworden ist, aus den wenigen
Unterredungen stammt, die er mit Baldo Conticello und dem Verfasser
darüber geführt hat, und aus dem überaus wichtigen Material, das er für
die Publikation der mythologischen Skulpturengruppen von Sperlon-
ga135 zur Verfügung gestellt hat. Dabei handelt es sich vor allem um die
Fundpläne der wichtigsten Skulpturenfragmente, die in den ersten vier-
zehn Tagen der Ausgrabung freigelegt wurden. Enrico Bellante war ar-
chäologisch ein Autodidakt, aber ihm stand eine Vermessungstechnik zu
Gebote, von der Archäologen nur träumen können. So hat er das kreis-
runde Becken, in das bei der Zerstörung der Höhlenausstattung die
Marmorfragmente geworfen worden waren, vom Mittelpunkt aus in 105
Radien zerlegt, die von konzentrischen Kreisen im Abstand von 50 cm
geschnitten werden, und hatte so das Ausgrabungsgebiet in ein Raster
eingeteilt, durch das man unter Berücksichtigung der Höhe innerhalb
des 1,50 m tiefen Beckens die Position eines jeden zutage kommenden
Fragmentes genau festhalten konnte. Im Zentrum des Beckens, wo, wie

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