Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 119
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gung stellte und wie absolut zurückhaltend er in allen das Verhältnis zur
Soprintendenza betreffenden Fragen war.

Giulio Jacopi, eine starke und begabte Persönlichkeit, hat sich durch
die rasche Veröffentlichung der Ausgrabungsergebnisse und durch seine
tatkräftigen Bemühungen, die Fundstücke der Öffentlichkeit möglichst
bald zugänglich zu machen, entscheidende Verdienste erworben. Für ihn
war das Museum von Sperlonga nach seinen eigenen Worten »nicht ein
Endpunkt, sondern ein Ausgangspunkt künftiger Forschungen und
Schlußfolgerungen über alle Fragen, die bei den bis dahin unternomme-
nen Forschungen offengeblieben waren«.136 Daß er sich durch die ra-
sche Zugänglichmachung der Funde der Kritik aussetzen würde, hat er
in Kauf genommen. Man darf nun, im Abstand von fast einer Generation,
sagen, daß er in Sperlonga das Opfer teils einer idealistischen altertums-
wissenschaftlichen Ausbildung geworden ist, für die eine Schriftquelle
wichtiger war als ein archäologisches Zeugnis, teils aber auch der Orga-
nisation der italienischen Antikenverwaltung in viel zu großen Einheiten
mit alleiniger Verantwortlichkeit und Weisungsbefugnis des Soprinten-
denten. Das archäologisch ungemein reiche Gebiet von Rom und La-
tium mit Ausnahme des Forum Romanums, Ostias und des südlichen
Etruskerlandes unterstand seiner Aufsicht. Dieses riesige Gebiet war für
die Arbeitskraft eines einzigen Mannes, der die ganze Verantwortung
dafür zu tragen hatte, einfach zu groß.

Da es nicht möglich gewesen war, die Skulpturenfragmente nach
Rom zu bringen, konnte er die Durchführung seiner Rekonstruktions-
anweisungen nicht ständig am Ort verfolgen, wie das in einem so kom-
plexen Fall wie Sperlonga notwendig gewesen wäre. So ist die verwir-
rende Rekonstruktion der Skulpturengruppen von Sperlonga wohl als
das Werk eines phantasievollen, aber nicht von wissenschaftlichen Kri-
terien kontrollierten Restaurators anzusehen; also eher die ästhetisch
nicht ungekonnte Präsentation eines in disparatem Zustand vorgefun-
denen fragmentarischen Materials als ein sorgfältig begründeter Rekon-
struktionsversuch. Vor allem brauchte bei dieser Art Rekonstruktion
die Laokoon-These, die in aller Welt Schlagzeilen gemacht hatte, nicht
widerrufen zu werden.

Dies blieb der wissenschaftlichen Kritik vorbehalten, die eine lebhaf-
te, zum Teil in der Tagespresse geführte Diskussion hervorrief, an wel-
cher sich außer anderen vor allem Baldo Conticello, der Nachfolger von
G. Jacopi als Direktor des Nationalmuseums von Sperlonga, H. P.
L'Orange, der Urheber der Bezeichnung »Die Odyssee in Marmor von
Sperlonga«137, Helga von Heintze138, Hellmut Sichtermann139, Gösta
Säflund140, Karl Kerenyi141, Peter Heinrich von Blanckenhagen142,

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