Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 120
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/andreae1982/0124
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
H. Lauter143 und Roland Hampe144 beteiligten. Hans Riemann145 hat
die Forschungsergebnisse dieser Archäologen kritisch gesichtet und
dargelegt, wieviel noch zu tun bleibt.

Während die meisten Beiträge zu den verwickelten Problemen von
Sperlonga deren Lösung in kleineren oder größeren Schritten förderten,
hatte Roland Hampe146 durch den ebenso verblüffenden wie verwirren-
den Vorschlag, die Ausstattung der Höhle von Sperlonga sei weniger
von Homer als vielmehr von Vergil angeregt, für eine erhebliche Anhei-
zung der Diskussion gesorgt.

Anlaß dazu war die Erwähnung Vergils in einer offenbar an der Höh-
lenwand angebrachten Inschrifttafel, deren gedrechselte Verse ein ge-
wisser Faustinus Felix verfaßt hatte147. Zunächst schien diese Tafel, die
eine Art von Beschreibung des Eindrucks enthält, den ein Besucher der
Grotte haben konnte, recht einfach zu deuten. Sie besagt, daß Vergil,
wenn er die Höhle hätte sehen können und die Listen des Ithakers, das mit
glühendem Pfahl geraubte Augenlicht des Halbwilden, der von Wein und
Schlaf trunken ist, voller Bewunderung gewesen wäre. Nach der Betrach-
tung der Höhlen und lebendigen Seen, der kyklopischen Felsen, Skyllas
grausamer Wut und des im Strudel zerschlagenen Schiffsheckes, hätte er
von dannen gehend zugegeben, daß man im Epos dies alles so lebendig
nicht hätte darstellen können wie die Hand der Künstler, die nur die Natur
übertrifft.

Den in den beiden letzten Versen als Verfasser oder Dedikanten der
Inschrift erwähnten Faustinus glaubte man als den gleichnamigen von
Martial erwähnten Freund des Kaisers Domitian identifizieren zu
können, was zu verschiedenen inzwischen als grundlos erwiesenen Hy-
pothesen führte148. Genauere philologische und epigraphische Unter-
suchungen hatten nämlich ergeben, daß die Inschrift wohl erst in der
Spätantike angebracht worden war. Da man in Sperlonga auch den Bild-
niskopf eines Tetrarchen149, das heißt eines der drei Mitregenten des
Kaisers Diokletian aus der Zeit um 300 n. Chr., gefunden hat und die
Höhle damals noch in Benutzung gewesen ist, liefert diese Inschrift, so
interessant sie als literarisches Zeugnis auch sein mag, nicht mehr als den
Beweis, daß die homerischen Skulpturengruppen zu dieser Zeit noch be-
wundert wurden, also beim Steinschlag unter Tiberius jedenfalls nicht
zerstört worden waren. Alle anderen Schlußfolgerungen hingegen ge-
hören der Wissenschaftsgeschichte an. Sie brauchen hier nicht erörtert
zu werden, zeigen aber, wie lebhaft die außerordentlichen Entdeckun-
gen von Sperlonga und die Konsequenzen, die sich aus ihnen für die
Kunst- und Kulturgeschichte der frühen Kaiserzeit und des Hellenismus
abzeichneten, die Gemüter beschäftigten.

120
loading ...