Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 127
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sene Arbeit der Zusammensetzung erfordert hätte, gibt es einen ver-
gleichbaren Anhaltspunkt nicht.

Die Pasquino-Gruppe war schon durch Bernhard Schweitzer mit
Hilfe anderer Repliken rekonstruiert worden, nur in wenigen Punkten
hätte diese treffende Rekonstruktion durch einen neuen Versuch ver-
bessert werden können152.

Die Palladionraub-Gruppe schließlich ist soweit erhalten und durch
eine Wiederholung auf einem kleinasiatischen Sarkophagrelief auch so
gut kenntlich, daß ein Ergänzungsversuch die Mühe kaum gelohnt hätte,
zumal das Wichtigste, das Motiv des Diomedes, dessen Körper verloren
ist, schlechterdings nicht rekonstruierbar ist.

Die Polyphem-Gruppe indessen, von der zwar auch nur etwa 70 Pro-
zent in Fragmenten erhalten sind, versprach reichen wissenschaftlichen
Gewinn, weil von allen Figuren genügend Teile und vor allem, bis auf die
Arme des Odysseus, sämtliche Gelenkstellen vorhanden sind, so daß1
man hoffen konnte, die Bewegungen wenigstens annähernd zu treffen.

Allerdings sind nach Lichtenberg die kleinen Abweichungen von der
Wahrheit schwerer wiegend als die großen, und diese Tatsache muß je-
der erfahren, der sich an die letztlich unlösbare Arbeit macht, ein zer-
störtes Kunstwerk wiederherzustellen. Überall dort, wo man mit der ei-
genen Phantasie das Werk des alten Meisters zu ergänzen versuchen
muß, stößt man auf das Paradox, daß man sich, je näher man der Vollen-
dung kommt, desto weiter vom Kunstwerk entfernt. Solange die Phanta-
sie noch freies Spiel hat und hier und da zurechtrücken kann, mag es an-
gehen. Sobald das Auge aber durch die Entscheidung für eine ganz be-
stimmte Ergänzung festgelegt wird, kann sich das Gefühl eines uner-
laubten Eingriffs in die Autonomie des Kunstwerkes bis zur Unerträg-
lichkeit steigern. Man versteht dann diejenigen, die ein antikes Kunst-
werk weder von Michelangelo, noch von Bernini, noch von Thorwald-
sen, ganz zu schweigen von einem modernen, in der abstrakten Kunst
geübten Bildhauer ergänzt sehen wollen.

Allen, die so denken, und der Verfasser zählt sich selbst dazu, sei be-
wußt gemacht, daß der Ergänzungsversuch der Polyphem-Gruppe von
Sperlonga nicht an den Originalfragmenten, sondern mit Hilfe von Ab-
güssen in glasfaserverstärktem Kunststoff erfolgte und daß es nicht die
Absicht war, das Kunstwerk zurückzugewinnen, das entweder im klein-
sten Rest noch spürbar vorhanden oder durch die Zerschlagung unwie-
derbringlich verloren ist.

Es geht vielmehr darum, die Kompositionsabsichten des oder der
Schöpfer dieser vielfigurigen Gruppe, soweit dies möglich ist, herauszu-
finden und diese Schöpfung in einen historischen Zusammenhang ein-

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