Andreae, Bernard  
Odysseus: Archäologie des europäischen Menschenbildes — Frankfurt a.M., 1982

Seite: 128
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zuordnen, nicht sie einer rein ästhetischen Betrachtung preiszugeben.
Diese muß in jedem Fall unbefriedigend bleiben. In dieser Beziehung
leistet ein einziges wohlerhaltenes Originalfragment mehr. Wenn man
aber die zu einem Trümmerhaufen zusammengetragenen Abgüsse der
erhaltenen und nicht mehr weiter zu größeren Teilen aneinanderzupas-
senden Fragmente sieht, dann wird einsichtig, daß man durch die Bemü-
hung um eine Rekonstruktion weiter vorstoßen kann zum Wesen dieses
Kunstwerkes. Dann kann man es nicht einfach so liegen lassen und sich
mit einer inneren Schau begnügen, auch wenn einem im Lauf der Arbeit t
immer wieder Zweifel wegen der Unmöglichkeit der Aufgabe kommen.

Der größte Gewinn allerdings ist es, den Weg der Rekonstruktion
mitzugehen, die Überlegungen nachzuvollziehen, die sich aus der Be-
trachtung der Fragmente ergeben, die Argumente abzuwägen, die den
Problemen gegenüber ins Feld geführt werden.

Da ist zunächst die Tatsache, daß es einen Punkt gibt, auf den die
ganze in der Gruppe dargestellte Aktion sich konzentriert, nämlich das
eine Auge des Riesen. In dieses Auge soll der Pfahl stoßen, der in gera-
der Linie die Positionen des Odysseus und der beiden Gefährten, die den
Pfahl heranschleppen, weitgehend festlegt.

Auf das eine Auge des Riesen ist aber zweifellos auch der Blick des
Gefährten mit dem Weinschlauch gerichtet, denn nur, wenn die Blen-
dung gelingt, kann er gerettet werden. Fliehend wendet er noch die Au-
gen zurück um zu sehen, ob die glühende Spitze des Pfahles ihr Ziel trifft.
In gewissem Sinne ist also auch diese Figur durch eine Beziehung auf das
Auge des Riesen festgelegt. In diesem Fall allerdings nur durch eine
Blickverbindung, die den fliehenden Gefährten jedoch wie an einem
Radius, dessen Mittelpunkt das Auge des Riesen ist, auf einen Kreisbo-
gen um diesen bannt.

Man müßte also eigentlich bei einem Rekonstruktionsversuch vom
Auge des Riesen ausgehen.

Unglücklicherweise ist der Kopf des Riesen fast ganz zerstört, glück-
licherweise aber doch nicht so vollständig, daß man die Position des Au-
ges nicht eindeutig bestimmen könnte. Ein scheibenförmiges Fragment
hat den vorderen Teil des Halses und ein Stück des Mundes und der Nase
erhalten, und auf der Nasenwurzel ist eine Rille zu sehen, wo kein
Mensch mit zwei Augen eine Rille hat, wohl aber ein Kyklop, bei dem
hier der untere Lidrand des einen im Sattel zwischen Nase und Stirn lie-
genden Auges sitzt.

Ein eindrucksvoller und gut erhaltener antiker Polyphem-Kopf in
Boston153 kann eine Vorstellung davon geben, wie man die Fragmente
in Sperlonga zu ergänzen hat.

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